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Tourenberichte

Kurvenstars zurück

Der Bayern-König Ludwig II. wusste, warum er sein Märchenschloss Neuschwanstein in die Bergwelt vor den Toren Füssens setzte. Die Pässe und Serpentinen des Allgäus, die sich in Österreich fortsetzen, die Sträßchen durch die grünen Moränenhügel und das tiefe Tal des wilden Lechs halten den Cabrio-Fahrer zunächst auch vom Kulturprogramm ab.

Serpentinen-Jagd vom Allgäu nach Österreich

Vier-Pässe-Tour: Vom Jochpass über Gaicht- und Hochtannbergpass bis zum Riedbergpass führt die Route von Füssen nach Sonthofen.

"Sind wir nicht alle ein bisschen Le Mans?"

Ein Specht trommelt laut und versucht hartnäckig, das Motorengeräusch auf der Jochberg-Passstraße zu übertönen. Eine Singdrossel schmettert ebenso wacker ihr Lied in die noch kühle Morgenluft, um zu künden, dass der Frühling da ist. Wenn ich von meinem Parkplatz am Aussichtspunkt Kanzel oberhalb des Jochbergpasses auf die Berge im Süden blicke, dann tragen sie noch dicke Schneehauben. Eigentlich war es etwas verwegen, heute Morgen das Verdeck des Wiesmann MF3 unten zu lassen und in der kalten Morgenluft von Hindelang zum Oberjoch hochzufahren. Nun warten Cabrio und Fahrer gleichermaßen auf die Strahlen der wärmenden Sonne am Parkplatz.
Wenngleich die Fahrt hier herauf von innen heizt. Denn der Jochpass darf sich seit seiner Fertigstellung im Jahre 1900 getrost als eine von Deutschlands markigsten Kurvenstrecken bezeichnen. Da denkt man nicht an kalten Fahrtwind, wenn man die 343 PS des 3,2-Liter-BMW-Sechszylinders im Wiesmann MF3 auf die Straße bringt. Die 106 Kurven, Serpentinen und herrlich geschwungenen Rechts-Links-Kombinationen sind Fahrfreude pur. Es kam schon früh der Gedanke auf, diese Strecke für Bergrennen zu nutzen. 1923 war es so weit: Das erste Jochpassrennen fand statt – auch wenn damals die Strecke noch ungeteert war. Den Coup dabei landete eine Frau: Ada Otto aus der berühmten Motorenbauer-Dynastie war die Schnellste und düpierte ihre männliche Konkurrenz.
Als ich so versonnen in die Strahlen der Sonne blinzele und Singdrossel und Specht lausche, glaube ich auf einmal, meinen Augen nicht zu trauen: Mit mächtigem Motorengeräusch fegt da ein Rennwagen aus den 1930er-Jahren vorbei und stürzt sich mit quietschenden Reifen die Passstraße hinunter. Drinnen ein Fahrer mit Lederhaube und Rennbrille, wie eine Erscheinung aus der Zeitmaschine. Was war das denn? Mit einem Satz bin ich im MF3, werfe den Motor an und jage hinterher. Was mir schwer fällt, denn wie ein Phantom (Original: der fliegende Holländer) scheint der Oldtimer im Kurvenlabyrinth des Passes verschwunden. Als ich fast den Fuß des Jochberges erreicht habe, kommt er mir mit einem Male in einer engen Kurve entgegen und passiert um Haaresbreite mein Cabrio. Das kann nicht wahr sein! Vor dem Ortsschild von Hindelang wende auch ich und jage den Pass wieder hoch. Von der kalten Morgenluft spüre ich schon lange nichts mehr, wische mir im Gegenteil den Schweiß von der Stirn. Denn es ist wie verhext. Durch mein Wenden ist wieder so viel Zeit vergangen, dass der Oldtimer nicht mehr zu sehen ist.
Da ist es fast wie das Geschenk einer Märchenfee, als ich den Wagen am selben Parkplatz Kanzel sehe, an dem ich vorher gestanden hatte. Vorsichtig nähere ich mich und wäre nicht zu überrascht, würde das Trugbild vor meinen Augen verschwinden. Doch der 62-jährige Karl Schober und sein Lagonda Rapier von 1935 sind real – und der freund-liche Allgäuer gibt bereitwillig auf meine Fragen Antwort. Sozusagen von Cabrio-Fahrer zu Cabrio-Fahrer. Da der Lagonda ein echter eng-lischer Rennwagen ist, besitzt er nicht einmal ein Verdeck. "Wenn es regnet, dann fahre ich eben im Regen", meint Karl Schober lakonisch, der auch sonst sein historisches Prachtstück nicht wie eine Rarität aus dem Museumsschrein sieht. Jedes Wochenende geht er von seinemZuhause in Altusried bei Kempten mit dem immerhin 75 Jahre alten Wagen auf Tour, auf Oldtimer-Rennen oder zu Schaufahrten. Oft einfach nur, um mit dem beinhart gefederten und ganz normal zugelassenen Rennwagen um die Kurven abgelegener Sträßchen im Allgäu zu driften und mit dem 700 kg wiegenden Gefährt und seinen 110 PS aus 1.500 m³ Hubraum die 30er-Jahre wieder auferstehen zu lassen. Da hatte der Lagonda das legendäre Rennen von Le Mans gewonnen und der Konkurrenz gezeigt, wo der Hammer hängt. Damit dies auch mir und meinem Wiesmann MF3 klar wird, verspricht mir Karl Schober für morgen eine gemeinsame Tour auf winzigen Sträßchen durch die grüne Moränenhügel-Landschaft des Allgäus. Treffpunkt: Parkplatz Kanzel oben am Jochbergpass. Heute ist dafür keine Zeit, denn es ist eine Versammlung des Jochpass-Oldtimer-Memorial e.V. angesagt, bei der Karl Schober nicht fehlen darf.
Tatsächlich gibt es das historische Rennen als Jochpass-Oldtimer-Memorial jedes Jahr. Im Oktober ist es wieder so weit, und für die Mitglieder des Vereins ist da noch viel zu tun. "Wenn ich diesen Pass rauf und runter fahre, bin ich richtig motiviert", lacht Schober und zieht sich die Lederhaube über. Der Motor des Lagonda läuft an, dass die Erde zittert, und Besitzer und Rennwagen brettern zu Tale zur Vereinsversammlung. Auch mein Wiesmann-Sechszylinder darf wieder laufen – Richtung Tannheimer Tal in Österreich. Die Sonne hat mittlerweile die Luft erwärmt, und nun herrscht ideales Cabrio-Wetter, als ich durch die von zwei Bergketten eingerahmte weite Tallandschaft nach Westen fahre. Am Gaichtpass fällt das Hochtal steil ab zum tiefer eingeschnittenen Lechtal. Alpen-Fahrgefühle der kurvigen Art sind das, als ich den tief liegenden Wiesmann in den Serpentinen zu Tale laufen lasse. Wunderbar beschleunigt der Wagen aus den engen Kurven heraus, darf immer wieder bis über 7.000 Touren hochdrehen und wie ein Pfeil auf die nächste Kurve zuschießen. Sind wir nicht alle ein bisschen Le Mans?

"Wenn es regnet, dann fahre ich eben im Regen"

In Weißenbach am Lech dann die Entscheidung: Nach links abbiegen, um, wie eigentlich geplant, über Reutte nach Füssen zu fahren und den Königsschlössern Neuschwanstein und Hohenschwangau einen Besuch abzustatten. Eine Runde um den Alpsee zu laufen, der wie ein dunkles Auge zwischen Bergen und Wald eingebettet ist. Hochzusteigen bis zur Schwindel erregenden Brücke über die Pöllatschlucht mit dem sagenhaften Blick auf Schloss Neuschwanstein. Herauszufinden, was das Märchenhafte dieses Schlosses König Ludwigs II. ist, das jedes Jahr weit über eine Million Besucher anzieht. Oder nach rechts abbiegen und dem Lechtal die entsprechende Referenz erweisen. Ist es doch die perfekte Einfädelspur in die Alpen.
Nein, ein Tag mit solchem Wetter ist zum Cabrio-Fahren gemacht. König Ludwig würde das verstehen. Flussaufwärts folge ich dem karibisch blauen Lech Richtung Berge. In einem breiten Schotterbett fließt der ungezähmte Alpenfluss, wild und ungestüm. Das passt irgendwie zum Wiesmann, der schon auf seine nächste Bergwertung wartet.

"Kaffeetrinken kann man auch bei Regen. Jetzt ist Cabrio-Zeit."

Hinter Elbigenalp rücken die Berge dann auch langsam immer näher an die Fahrbahn. Der Geburtsort der berühmten Geierwally bleibt im Spiegel zurück. Als starke Frauenpersönlichkeit des 19. Jahrhunderts zeigte sie ihren Brüdern, dass auch ein Mädchen zu einem Adlerhorst im Fels hochsteigen kann, um ein Junges herauszunehmen. Die Berge als Herausforderung. Auch für mich sind sie das. Der Anstieg zum Hochtannbergpass beginnt. Wieder dürfen 343 PS zeigen, wie sie ein 1.200 kg „leichtes“ Cabrio die Steigungen hochwerfen können. Und das können sie! Viel zu schnell ist Warth erreicht, das kleine Hoteldorf umrahmt von Berggipfeln, die lange Monate im Jahr tief verschneit sind. Was für ein Kontrast: Das rote Leder des offenen Cabrios vor den Schneewächten am Straßenrand!
Eigentlich ist jetzt Zeit zum Kaffeetrinken. Zum Meditieren über den wilden Lech, der irgendwo hinter diesen Bergen entspringt. Doch Kaffeetrinken und Meditieren kann man auch bei Regen. Jetzt scheint die Sonne, und der Wiesmann will unbedingt den Hochtannbergpass runterjagen. Kurz hinter Warth ist die Passhöhe auf 1.676 m erreicht. Dann geht es steil bergab in das Tal der Bregenzer Ache. Seine Tunnel und Lawinenverbauungen machen den Hochtannbergpass heute wintersicher und ganzjährig befahrbar.
In Au könnte ich links abbiegen Richtung Furkapass. Das nächste Pass-Highlight gleich dransetzen. Doch jetzt fordert meine Ausfahrt ihren ersten Tribut. Während der Hochtannbergpass ganzjährig offen gehalten wird, ist das Furkajoch oft bis in den Juni hinein vom Schnee versiegelt. Aber vier Pässe sind genug für heute – denn einer wird ja noch kommen. Und der ist sogar Deutschlands höchster! Über das sich weitende Tal der Bregenzer Ache erreiche ich die grünen Hügel des Bregenzer Waldes, die denen des Allgäus auf der deutschen Seite der Grenze sehr ähneln. Dann geht es über den Riedbergpass hinunter nach Balderschwang und Sonthofen. Mit 1.420 m Scheitelhöhe ist Deutschlands Allerhöchster unter den Alpenpässen zwar nur ein Benjamin, aber ein kurviger Slalom-Spaß ist seine Auffahrt allemal. Auch wenn die Abfahrt Richtung Balderschwang wegen des manchmal runzeligen Fahrbahnbelages mit der harten Federung des Wiesmann meinen Bandscheiben zusetzt…
Jetzt könnte ich in Sonthofen eigentlich nochmals rechts hochfahren nach Hindelang und über den Jochpass zum Oberjoch. Und damit – mit einem Doppler – doch fünf Pässe in meine heutige Tour packen. Nochmals könnte ich ein wenig die Kurventechnik in bergigem Gelände üben. Denn morgen wird Neuschwanstein auch noch warten müssen. Da bin ich mit Karl Schober und dem Lagonda im Rennfi eber unterwegs und werde eine gute Kurventechnik brauchen. König Ludwig würde auch das verstehen.

Text und Fotos | Gerhard Eisenschink

Blick auf Schloss Neuschwanstein

Blick nach vorne: Der MF3 lechzt nach Hügellandschaft und weiteren Sepentienen.

Fahrfreude pur: Schluchtenüberquerung vor winterliche Bergkulisse.

Blickfang: Der Wiesmann MF3 ist das sportlichste Cabrio des Jahres 2010 (sport auto-Leserwahl).

Unheimliche Begegnung: Am Jochpass zieht ein Lagonda Rapier von 1935 vorbei.

Jedes Wochenende unterwegs: Mit seinem beinhart gefederten Lagonda lässt sich Karl Schober die 3034-Jahre auferstehen.

Kräftemessen: Lagonda Rapier gegen Wiesmann MF3. Wer nimmt die Kurven eleganter?

Ungewöhnlich langsam: Unter der Haube des Lagonda scharren 110 Pferde mit den Hufen.

Das Auto zur Landschaft: Stilvolle Fahrpause für den Wiesmann Roadster.

Fahrpausen

  • SCHAUEN
  • Königsschlösser
    Neuschwanstein und Hohenschwangau
    www.neuschwanstein.de
    www.schwangau.de
    www.schloesser.bayern.de
  • Füssen
    Schlendern Sie durch die verwinkelte Altstadt und schauen Sie sich das alte Schloss an – eine der besterhaltenen Burganlagen Bayerns!
    www.fuessen.de
  • Allgäuer Bergbauernmuseum
    Diepolz 44
    D-87509 Immenstadt i. Allgäu
    Tel. 08320 / 70 96 70
    www.bergbauernmuseum.de
  • Automuseum Busch
    Oldtimer-Museum der Auto-Legende Fritz B. Busch
    D-88364 Wolfegg
    Tel. 07527 / 62 94
    www.automuseum-busch.de
  • ESSEN & TRINKEN
  • Ristorante La Perla
    Speisen in italienischem Ambiente – mitten in der Altstadt
    Drehergasse 44
    D-87629 Füssen
    Tel. 08362 / 71 55
    www.ristorante-la-perla.de
  • Markthalle in der Füssener Altstadt
    Feinkost und Imbiss direkt vom Marktstand
    Schrannengasse 12
    D-87629 Füssen
  • EINKAUFEN
  • Lila Haus
    Am historischen Sailerturm
    Sebastianstraße 4
    D-87629 Füssen
    Tel. 08362 / 93 90 978
    www.lilahaus-fuessen.de
  • VERMIETUNG
  • Von Falkenbach Premium Roadsters
    Wiesmann MF3 und andere exquisite Cabrios
    Waldseer Straße 3
    D-88250
    Weingarten
    Tel. 0751 / 509 19 01
    www.von-falkenbach.de
  • SCHLAFEN
  • Wellness-Hotel Sommer
    Direkt am malerischen Forggensee mit Blick auf Neuschwanstein
    Weidachstr. 74
    D-87629 Füssen
    Tel. 08362 / 914 70
    www.hotel-sommer.de