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Tourenberichte

Jenseits von eben – Stuttgart bei Nacht zurück

Ein feucht fröhlicher Ausflug mit dem Cabrio ins Stuttgarter Nachleben.

Es ist der Abend vor Vatertag, an dem wir uns zu einem vorgezogenen Ausflug verabredet haben. Die Blüten der Magnolie sind längst verwelkt, aber man sieht dem Mai beim besten Willen nicht an, dass ihm der Sommer noch folgt. Ich hätte gute Lust gehabt, Mohini nach dem Ferrari 330 GT zu fragen. Andererseits wäre ein Coupé mit einer Frau am Steuer und mir auf dem Beifahrersitz, der vom Vaterdasein so weit weg ist wie von seiner ersten Million, eine glatte Themaverfehlung gewesen.

"Was wird geboten?", fragt Mohoni. "Eine Tour durch Stuttgart bei Nacht für ein Cabrio-Magazin."

Mohini lässt sich nicht zweimal bitten. Sie beschließt, den Ferrari für die Rallye Solitude Historic zu schonen und entbietet einen Mercedes 500 SL der 107er-Baureihe, Jahrgang '86. Das Cabrio in dunkelblauem Lack ist innen mit beigem Leder bezogen. Die Sonne hat es im Laufe der Zeit grießbreimäßig patiniert und sich dabei wohl so verausgabt, dass sie jetzt schon knapp 3 Wochen pausiert. Dafür darf die Heizung zeigen, warum sie auch ein viertel Jahrhundert später zum Besten gehört, was an Bord des Achtzylinders verbaut worden ist. Wir nehmen in aller Offenheit bei nicht gefühlten 11 Grad Kurs Richtung Nachtleben. Mohini ist noch beim Haareschneiden gewesen. Von dem Griechen im Westen ist mir, einmal abgesehen davon, dass ich mit natürlicher Kopfbedeckung nicht viel am Hut habe, noch nie etwas zu Ohren gekommen. Aber wer Nikolaos Perdikis heißt und das Zeug zum Promifriseur hat, muss sein Handwerk beherrschen. Zumal Mohinis Haartracht die Fahrt ins Ruben’s unbeschadet übersteht. Die kleine Eckbar ist Teil des so genannten Bermudadreiecks, das sich triangelförmig um den Hans im Glück-Brunnen ergießt. Im Ruben’s verkehren vor allem Schwule, was sich zum Beispiel in einem Händchen haltenden Männerpärchen zeigt, das mir nichts, dir nichts auf der Toilette verschwindet. Weniger bekannt ist, dass Inhaber Christopher Ruben Koch eine Schwäche für automobile Klassiker hat.
"Was fährst du, Christopher?"
"Verschiedenes."
"Zum Beispiel?"
"Einen 190 SL und einen Buckelvolvo"
"Und dein Favorit?"
"Hab ich noch nicht."
"Nämlich?"
"Ein Zuffenhausener."
Das sagt der Schwabe, bescheiden wie er ist, wenn er von einem Porsche 356 spricht. Mit Mohini unterwegs zu sein, heißt vor allem kein Spiel-verderber sein zu dürfen. Mindestens ebenso feuchte Augen wie beim Thema Porsche 356 bekommt sie beim Gedanken an Champagner. Sie hält es mit Madame Bollinger und zwar mit dem zweiten Teil ihres legendären Trinkspruchs: Sicherheitshalber führt Mohini immer eine orangefarbene Tasche aus Neopren im Kofferraum mit. Das traveller bag, nicht zu verwech-seln mit dem city bag für die Piccolo-Variante, nimmt eine 0,75-Bouteille nebst 2 Gläsern auf und kühlt sie für Stunden. "Was, wenn ich es nicht bis 8 Uhr abends zu Feinkost Böhm schaffe?"
"Es gibt in Stuttgart eine Shell-Tankstelle, die führt auch Champagner. Dummerweise habe ich vergessen, wo sie ist."
"Hm, mal angenommen du würdest sie finden, was dann?"
"Dann würde ich zum Monte Scherbelino hochfahren und ihn mir unter freiem Himmel schmecken lassen."
Der Berg heißt eigentlich Birkenkopf. Aber dann kam der Krieg und hat fast halb Stuttgart in Schutt und Asche gelegt. Die Trümmer bürgerlicher Baukultur türmen sich seither bis zum Gipfel in über 500 m Höhe. Womit wir bei Stuttgarts markantester Eigenschaft sind. Denn fast alles in der Stadt spielt sich jenseits von eben ab. Selbst der Kleine Schlossplatz im Tal thront auf seinem steinernen Sockel meterweit über der Fußgängerzone.
Hier unten kauft man ein, prostet sich zu beim Aperol und verdient das Geld, das die Villen hangaufwärts an Unterhalt fordern. HHL, kurz für Halbhöhenlage, ist der akronymisch codierte Traum für ein privilegiertes Leben abseits von Feinstaub und drückender Schwüle, die den Kessel sommers fest im Griff hat. Und wer gleich oben am Kesselrand be gütert ist, weiß die abenteuerlich kurvenden Straßen vom Schlage einer Neuen Weinsteige oder Rotenwaldstraße umso mehr zu schätzen.
Journalisten, die den Geist Stuttgarts ergründen, geraten regelmäßig ins Schwärmen beim Anblick der nächtlich glitzernden Stadt. Dann denkt sich nicht nur der FAZ-Feuilletonist Niklas Maak, wenn da unten ein bisschen mehr Wasser wäre, würde es aussehen wie an der Côte d’Azur. Wahrscheinlich ist die Liebe sogar eine Erfindung der Schwaben. Oder warum bitte sind Fahrzeuge wie der SL in die Welt gesetzt worden? Doch nur, um die Liebste in einer lauen Nacht auf den Monte Scherbelino zu entführen. Die Frage, welchen Verlauf Mohinis letztes Stelldichein dort oben genommen hat, ist dagegen rhetorischer Natur. Denn plötzlich stehen diese zwei Polizisten vor ihr.

"Sie haben mich gefragt, ob das der Champagner aus der Metro sei?
Du kannst dir vorstellen, wie verblüfft ich war."
"Woher wussten die das?"
"Die haben im Kofferraum nachgesehen, da lag die Rechnung
mit den Einkäufen."
"Du hast vergessen abzusperren?"
"Ja, und das Dach habe ich auch offen gelassen."

Nicht einmal auf seinen Geburtstag kann man in Ruhe anstoßen.

Als Ausweichort würden sich die weitläufigen Anlagen von Schloss Solitude anbieten. Das hat schon deshalb etwas, weil man dann den üppig eingefriedeten Hag an der Straße nach Weilimdorf passiert. Auf dem mit Efeu überwucherten Gottesacker, kleiner als der Strafraum eines Fußballfeldes, finden sich so berühmte Namen wie von Weizsäcker oder John Cranko, des-sen weltweit als Ballettwunder gefeierte Arbeit das hiesige Ensemble bis heute befeuert. Typisch Stuttgart: Ich kenne keine Stadt, in der sich höchste Staatsrepräsentanten mit namenlosen Haudegen aus dem Ersten Weltkrieg und Terroristen der Roten Armee Fraktion das Erdreich teilen. Aber die Toten geben sich pflegeleicht wie die Grabplatten, über die Weinbergschnecken ihre klebrigen Spuren ziehen. Es hat die Ruhenden auch nicht gestört, als die besten Piloten das Wegenetz rund ums Schloss jahrzehntelang auf seine Renntauglichkeit getestet haben.

Mit dem Abstand von 45 Jahren nehmen Mohini und ich einen Teil des narbigen Formel 1-Kurses unter die Räder, zurück in die Stadt. Wenn sich die Verlängerung der Solitude im zweistelligen Prozentbereich den Hang hinab mäandert, stellen sich mindestens zwei Fragen.
Erstens: Wohin zum Abendessen, dicht gefolgt von der Frage nach dem, was den 500 SL ausmacht. Frage eins ist schnell beantwortet. Ins Due Stanze e Cucina. Frage zwei zieht sich ein paar Kurven länger hin.
Den offenen Gleiter als "Sindelinger Barock" zu bezeichnen, halten wir für Verunglimpfung derer, die sich in 18 Jahren Bauzeit nie einen haben leisten können. Der dezenten Walnussholz-Optik stehen kiloweise Chrom und verchromte Applikationen gegenüber. Die niedrige Silhouette krönt noch immer ein pagodenhaft gewölbtes Segeltuchverdeck. Unter der Motorhaube gibt er sich kraftvoll ohne kraftmeierisch zu sein. Nicht gerade drehfreudig, aber zugstark. Überhaupt vereint er filigrane Linien mit robuster Bauweise. Man stelle sich einen Marathonläufer mit der Figur eines 100 Meter-Sprinters vor. Mohinis Fahrstil ist rasant zu nennen, wenngleich das Cabriolet kein Auto zum Rasen, sondern zum Reisen ist. Ich erkläre es mir daher, ohne gefragt zu haben, mit ihrem indischen Temperament, und damit, dass sie – je nachdem, ob Fahrerin oder Beifahrerin – neben Champagner auch Benzin im Blut hat. Dafür spricht, dass sie in Vorbereitung einer Rallye Kleid gegen Blaumann tauscht und nichts gegen ölverschmierte Hände hat, und wenn dann noch ein Kingfisher in Griffweite ist, ist die Welt sowieso in Ordnung (zumal der indische Bierbrauer passenderweise Sponsor in der Formel 1 ist).
Mohini nimmt die Dinge also gerne selbst in die Hand. Nachdem sie als Beifah rerin einmal sehr unsanft aus dem Schlaf gerissen worden ist, gerne auch das Steuer.
"Wohin zieht es dich so, wenn du raus willst aus Stuttgart?"
"Ich fahre gerne ins Elsass."
"Zum Crémant kaufen?"
"Ich trinke nur Champagner."
"Ok, war ’ne Fangfrage."
Weil Champagner und Bier in Kaffee einen durchaus ernst zu nehmenden Mitbewerber haben, halten wir in der Stadt kurz bei Fleck und Schneck. Die versteckt neben dem Tagblattturm liegende Espressobar mit hübscher Gewölbedecke ist der ehemalige Frisiersalon des Herrn Fleck, der sich mit dem Schauspieler Herr Schneck zusammengetan hat.
Mittlerweile schaut allein der Sohn des Friseurs nach dem Rechten, und wenn alles passt, ist der kleine Braune hier immer noch einer der Besten downtown. Führend ist zurzeit sicher das Café Moulu, während das Herbertz beim "meet and greet" die Nase vorn hat. Da beide aber mit Büroschluss zusperren, müssen wir die Geschichte entweder in "Stuttgart bei Tag" umbenennen oder an die Tagesschicht verweisen. Das Due Stanze e Cucina mitten in einem der bevorzugten Altbauquartiere ist nichts für hastige Zungen. Die Zeit, die man sonst mit leidiger Parkplatzsuche vergeudet, kann man hier in ein zweites Glas Sauvignon Blanc investieren – und das Auto nach dem dritten notfalls auf dem Parkplatz im Innenhof stehen lassen. Im kühlen Charme der gehobenen Trattoria hat Anastasia, ein russisches Vollblut, das Sagen. Ihr Südtiroler Küchenchef Juri verwöhnt die Geschmacksnerven der Gäste mit Variationen norditalienischer Provenienz. Das diffuse Licht des Kerzenscheins lässt schnell jene Atmosphäre aufkommen, die wie gemacht ist für ein erstes Date. Da dürfen auch mal Fragen nach dem Privatleben erlaubt sein …
"Mohini, du bist im besten Alter, denkst du manchmal ans Heiraten?"
"Ich nicht, aber meine Eltern."
"In Indien werden Mann und Frau ja oft noch zwangsvermählt."
"Kann man so stehen lassen."
"Wie ist das bei dir?"
"Es treffen immer wieder mal Vorschläge ein, aber ich hab' mich bisher erfolgreich wehren können."
Wir denken einen Ortswechsel an und einigen uns auf einen Absacker im Fou Fou. Die mondän gestaltete Bar an der Schnittstelle zwischen käuflicher Lust und wahrer Liebe sei all jenen ans Herz gelegt, die um 10 Uhr abends nicht schon oder um 2 Uhr morgens nicht mehr alleine nach Hause gehen wollen. Stuttgarts Rotlichtviertel macht mit seiner hohen Laufhausdichte dem Kiez hanseatischer Prägung alle Ehre. Und, weil wir gerade beim Fleisch sind, auch dem Ruhrpott, denn die beste schwäbische Currywurst läuft im Brunnenwirt durch den Schredder; man achte auf die Menschentraube in der Jakobstraße, gegenüber dem Jazzclub Bix, der ebenfalls Aufmerksamkeit verdient. Mohini kann sich jetzt aber nur für ihr Lieblingsgetränk erwärmen.
"Ich weiß nicht", sagt sie wie als Nachtrag zu unserem Gespräch beim Italiener, "ich weiß nicht, ob ich überhaupt Kinder will. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, neun Monate auf Champagner zu verzichten."
Dabei ist das Fou Fou, vom feschen Gianni und seinen Mannen kompetent geführt, immer für eine Überraschung gut. Zum Beispiel für einen frischen irischen Sahnelikör, der bei unserem Besuch als "Probiererle" über den Tresen wandert – solange der Vorrat reicht, versteht sich.
Deshalb: Auf nach Stuttgart!

Text | Michael Raeke
Fotos | Sandra Spindle

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