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Tourenberichte

Dolvce Vita zurück

Leuchtende Farben, beörende Düfte und verlockende Gaumenfreuden – die Toskana lockt mit Genüssen aller Art. Und das kurvige Terrain bietet Cabrio-Fahrern genügend Alternativen.

Es ist, als gleite unser Cabriolet durch ein dreidimensionales Geälde. Aus dem Frühnebel tauchen sanft geschwungene Hügel mit Zypressen auf den Kuppen, von Parkanlagen gerahmte Villen und der mittelalterliche Glockenturm von Fiesole auf. Die Ginsterbüsche am Straßenrand beginnen mit den ersten Sonnenstrahlen goldgelb, die Mohnblumen tiefrot zu leuchten – als hätte sie ein Maler mit ein paar Pinselstrichen in die Landschaft platziert. Es ist angenehm warm, der Wagen brabbelt rhythmisch von Kurve zu Kurve und von Fotostopp zu Fotostopp. Wer zum Sonnenaufgang eine kleine Spritztour durch die Toskana einlegt, braucht entweder einen griffbereiten Fotoapparat oder – wesentlich unpraktischer – Leinwand, Pinsel und Farbpalette. Hinter jeder Biegung tauchen neue Postkartenmotive auf: eine malerische Allee hier, eine blumenumrankte Marmorputte dort. Als wir schließlich zu unserem Hotel in Fiesole zurückkommen, steht die Sonne schon hoch am Himmel und das Frühstücksbuffet ist fast schon abgeräumt.

Florenz ist untrennbar mit der Renaissance verbunden

Eine Stunde später geht es richtig los: über die Serpentinenstraße von Fiesole hinab nach Florenz – dieses Mal ohne griffbereite Kamera. Das Cabrio flitzt von Biegung zu Biegung, während sich die ineinander verschachtelten Dächer und Kuppeln, Türme und Paläste der Arno-Metropole aus der Vogelperspektive präsentieren. Die Aussicht ist dermaßen berauschend, dass sich die High Society bereits im 15. Jahrhundert mehr als 800 Villen an den umliegenden Hängen errichtet hat. Damals wie heute zügig zu erreichen: das Zentrum von Florenz, wo sich seit den Glanzzeiten der Renaissance nicht allzu viel verändert hat. Der Palazzo Medici steht noch in der Via Cavour, der Dom Santa Maria del Fiore erhebt sich noch von der Piazza del Duomo, die Ponte Vecchio führt noch über den Arno. Vor den Uffizien, die wir flankiert von verschiedenen Sightseeing-Gruppen zu Fuß erreichen, steht eine nahezu endlose Menschenschlange für eine Sonderausstellung des Renaissance-Künstlers Leonardo da Vinci an.
Ein Abstecher nach Vinci muss sein, schon wegen der beiden herausragenden Leonardo-da-Vinci-Museen, in denen man einige der über 100.000 Erfindungen des berühmten Sohns der Stadt – vom Fahrrad über den Taucheranzug bis zum Bratenwender – liebevoll nachgebaut und in tollem Ambiente ausgestellt hat. Und wegen der schmackhaften „Penne Leonardo“, die man sich in der zwischen „Bar Leonardo“ und „Restaurante Leonardo“ gelegenen „Pizzeria Mona Lisa“ an der „Piazza Leonardo da Vinci“ einverleiben kann. Anschließend geht es mit dem Cabrio über Empoli und Castelfiorentino hügelauf und hügelab gen Süden.
Kurz nach Certaldo streifen wir perfekt geschwungene Zypressenalleen und von Weingärten gerahmte Gehöfte, dann rücken die mittelalterlichen Türme von San Gimignano ins Blickfeld. Hinter der lückenlos erhaltenen Stadtmauer ragen fünfzehn mittelalterliche Türme wie Wolkenkratzer empor. Die hohen Mauern boten einst den wohlhabenden Kaufmannsfamilien San Gimignanos Schutz und dienten als Statussymbol. Denn bereits im 13. und 14. Jahrhundert wurde herrschender Wohlstand im Sinne von – „mein Haus, mein Auto, mein Pool...“ – für jedermann weithin sichtbar gemacht.

Leonardo da Vinci war mit seinen Tüfteleien der Zeit weit voraus

Genau 72 Turmhäuser sollen es gewesen sein, als der Ort nach der Großen Pest von 1348 die wirtschaftliche Basis und die politische Autonomie verlor.
Als wir durch die Porta San Matteo in die von bunten Blütenteppichen gerahmte „Stadt der schönen Türme“ gelangen, erklingt ein ohrenbetäubendes Palaver. Touristen aus allen Ländern der Erde schlendern durch die verwinkelten Gassen der von der UNESCO zum Weltkulturerbe gekürten Altstadt, bestaunen den Dom (12. Jahrhundert), die Zisterne (13. Jahrhundert), den 54 Meter hohen Turm des Palazzo del Popolo (frühes 14. Jahrhundert) und die Leonardo-da-Vinci- Ausstellung mit Fallschirmen, Flugdrachen, Kugellagern, Schneckengetrieben und schwimmenden Schuhen, mit denen man übers Wasser laufen kann (Ende 15. und Anfang 16. Jahrhundert) in der Via Quercecchio. Außerdem gibt es in der Gelateria di Piazza das beste Eis weit und breit. „Wie ein Wellness-Bad in Schokolade“, ruft eine Dame aus. Und wir pflichten ihr nach drei Kugeln „Cioccolata“ ganz genüsslich bei.
Über Volterra und Colle di Val d’Elsa fahren wir weiter nach Monteriggioni, das uns mit einem ähnlich beeindruckenden Ortsbild empfängt. 14 Wehrtürme thronen auf einer komplett erhaltenen, gut 600 Meter langen Rundmauer, die kaum mehr als zwei Dutzend mittelalterliche Häuser, eine Handvoll gepflasterter Straßen und einen winzigen Platz namens „Piazza Roma“ umfasst. Wir setzen uns in die Bar Antico Travaglio und lesen Auszüge aus Dantes Göttlicher Komödie, die man auf Zuckertütchen gedruckt zum Cappuccino reicht: „...wie über seiner Mauerrunde, Monteriggioni mit Türmen sich krönt...“ Dann lenken wir das Cabrio hinunter in die Ebene. Vom Rand eines tiefroten Mohnblumenfeldes sehen wir uns Monteriggioni noch einmal aus der Ferne an. Und können verstehen, warum diese Region so viele Dichter und Maler hervorgebracht hat.
Über die Landstraße fahren wir in Richtung Siena, schwenken dann nach Westen und rollen über kleine Wirtschaftswege durch Wiesen und Felder. Hier und da taucht ein Weiler auf, aber nirgendwo ein Wegweiser. Offenbar rechnet man hier nicht mit Touristen. Freundliche Anwohner helfen zuvorkommend weiter und geben uns eine detaillierte Wegbeschreibung nach Pievescola. Von dort gelangen wir über kleine Straßen im Zickzack-Kurs nach Strove. „Von Langobarden 994 nach Christus gegründet“, steht am Eingang des mittelalterlichen Dörfchens zu lesen. Und wir rätseln in Anbetracht unserer Odyssee, wie dieses Volk ohne Karten und Satellitennavigation hierher gefunden hat.

Das Chianti-Gebiet ist die wohl berühmteste Weinregion Italiens

Im Ort empfängt uns ein Meer aus Geranien und Rosen, die an pittoresken Steinhäusern empor ranken. In den gepflasterten Gässchen entdecken wir so manch verwunschenes Motiv, das Dichter- und Malerherzen höher schlagen ließe. Schöne Künste hin oder her: Allmählich plagt uns der Hunger und wir sind froh, dass man in der Toskana auch viel Sinn für Gaumenfreuden hat. Im Albergo Casalta stärken wir uns mit Schinken-, Salami-, Olivenhäppchen und einer hausgemachten Pasta-Kreation. Den Chianti, den uns der Wirt zum Essen reichen will, lehnen wir dankend ab. Erstens wollen wir noch eine Weile mit dem Cabrio umherfahren.
Und zweitens führt unsere Tour ohnehin ins Zentrum der Chianti-Weinregion.
Über Mercatale und Montefioralle gelangen wir zur „Via Chiantigiana“, die sich von Florenz durch die Hügel nach Siena schlängelt. Auf und ab geht es durch Weinberge, Wiesen und Wälder. Hin und wieder erscheint ein verlassenes Gehöft oder eines der alten, traditionsreichen Weingüter, die wie Märchenpaläste auf den umliegenden Hügelketten thronen.
Nach wenigen Kilometern taucht der Weinort Greve auf und beim Blick auf das Angebot der Cantine di Greve in Chianti können wir nicht widerstehen. 140 Weine gibt es in der voll digitalisierten Probierstube mittels 10-, 15-, 20- oder 25-Euro- Chipkarte zu testen, edle Olivenöle und appetitlich dargebotene Käsehäppchen. Zum Glück liegt unser Hotel gleich um die Ecke, sodass wir das Cabrio parken und eine Weinprobe machen können: drei Schluck Chianti Classico, einen Schluck Chianti Classico Riserva, zwei Schluck Brunello di Montalcino und noch einen Schluck Vin Santo...
Tags darauf touren wir von Greve über Castellina nach Radda in Chianti. Kaum sitzen wir im Wagen, lockt ein Werbeplakat mit dem „Gallo Nero“, dem schwarzen Hahn, der auf die hiesigen Chianti-Classico-Winzereien verweist. Doch wir geben Gas und lassen die verlockenden Probierstuben der umliegenden Weingüter hinter uns. In der Umgebung von Radda geht es an Burgen, Weingärten, Olivenhainen und schattigen Wäldchen vorbei. Trotz etlicher Kurven kommen wir zügig voran und realisieren erst bei Asciano, dass sich die Szenerie komplett verändert hat. Kein Weingut und keine Weinreben weit und breit. Stattdessen: karge Lehmböden, weiter Himmel, tiefziehende Wolken im Schäfchenformat. Wir sind in der Crete, wo sich die Toskana jetzt unvermittelt weitet und sich die Farben und grafischen Linien der Landschaft auf das Wesentliche reduzieren.

In der Toskana genießt man das süße Leben - la Dolce Vita

An der Abtei Monte Oliveto Maggiore vorbei stoßen wir über wunderschön geschwungene Straßen zu den wehrhaft ummauerten Städtchen Montalcino, San Quirico, Pienza und Montepulciano vor, besuchen die Bäder und Thermen im Órcia-Tal und umfahren den mit 1.738 Meter höchsten Berg der Toskana, den erloschenen Vulkan Monte Amiata.
Zurück in Montalcino werfen wir einen Blick auf die Karte und kurven über die einsamen Bergstraßen bei Roccastrada und Roccatederighi nach Siena – eine Stadt mit Backsteinbauten, Straßenschluchten und einem mittelalterlichen Altstadtkern, der zu den schönsten der Toskana zählt. Als wir aus dem Wagen steigen, erklingt aus einer Seitengasse Trommelwirbel. Buntgewandete Fahnenträger tauchen auf und verlieren sich in der Menge. Die 17 Stadtbezirke Sienas proben für den historischen Festzug des „Palio“ – ein archaischer Wettkampf zu Pferd, der seit dem Mittelalter auf der Piazza del Campo ausgetragen wird. Der Weg dorthin ist auch ohne Stadtplan leicht zu finden: Einfach von der Menge treiben lassen. Der berühmteste Platz Sienas senkt sich wie eine Muschelschale zum Rathaus hin ab und ist übersät mit Menschen. Mit etwas Glück ergattern wir einen Platz in einem der romantischen Freiluft-Restaurants, strecken die Beine aus und genießen die Wärme der Sonnenstrahlen. Jetzt ist „Dolce Vita“ angesagt – das süße Leben der Toskana.

Fotos: Gerhard Eisenschink (14), Nostalgic (6)
Text: Sylvia Lischer

Der Dom in Siena ist aus schwarzem und weißem Marmor und eines der bedeutendsten Beispiele gotischer Architektur in Italien.

Siena spielt das ganze Jahr Mittelalter — und alle Bewohner sind beteiligt

Gallo Nero ist Weinkennern ein wohl bekannter Begriff. Der „Schwarze Hahn“ sitzt im Chianti am Straßenrand.

Die langnäsige Pinocchio-Figur ist aus den Souvenirläden der Toskana nicht wegzudenken.

Fahrpausen Toskana

  • INFORMIEREN
  • Italienische Zentrale für Tourismus ENIT
    Barckhausstrasse 10
    D-60325 Frankfurt am Main
    Tel. +49 69 23 74 34
    www.enit-italia.de
  • ESSEN & TRINKEN
  • Antica Trattoria Botteganova
    Strada Chiantigiana, 29
    I-53100 Siena (SI)
    Tel. +39 0577 28 42 30
    anticatrattoriabotteganova.it
  • Ristorante Il Pozzo
    Ristorante Il Pozzo
    I-53035 Monteriggioni
    Tel. +39 0577 30 41 27
    www.ilpozzo.net
  • Ristorante Le Terrazze
    Piazza della Cisterna, 23
    I-53037 San Gimignano
    Tel. +39 0577 94 03 28
    www.hotelcisterna.it
  • ÜBERNACHTEN
  • Corte di Valle
    Weingut mit Restaurant und Schwimmbecken
    SR 222 Chiantigiana (Kilometer 18,5)
    I-5022 Greve in Chianti, Località Le Bolle
    Tel. +39 055 85 39 39
    www.cortedivalle.it
  • Hotel Le Renaie
    mit Restaurant und Schwimmbecken
    I-53037 San Gimignano, Località Pancole
    Tel. +39 0577 95 50 44
    www.hotellerenaie.it
  • Albergo Casalta
    Mittelalterliches Kleinod mit Innenhof und Restaurant
    Via Giacomo Matteotti, 22
    I-53035 Monteriggioni, Località Strove
    Tel. +39 0577 30 10 02
    www.hotelcasalta.it
  • Corte Armonica Relais B&B
    Restaurierte kleine Villa bei Florenz
    Via Bosconi, 22
    I-50014 Fiesole
    Tel. +39 055 593 34
    www.cortearmonica.it
  • Hotel Borgo San Felice
    Fünf-Sterne-Hotel in mittel- alterlichem Gemäuer mit Schwimmbad und einer großen Auswahl erlesener Weine
    I-53019 Castelnuovo Berardenga (SI), Loc. San Felice
    Tel. +39 0577 39 64
    www.borgosanfelice.it
  • SEHEN & STAUNEN
  • Palio in Siena
    Jedes Jahr im Juli und August findet in Siena das berühmte Pferderennen „Palio“ statt, bei dem die 17 Stadtbezirke Sienas in archaischer Weise gegeneinander antreten.
    initaly.com/info/palio/palio.htm
  • Florenz, die Arno-Metropole
    Infos zu den 67 wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt.
    www.florentinermuseen.com
  • Uffizien in Florenz
    Mit seinen vielen Museen, Galerien, Palästen und Kirchen ist Florenz ein wahres Mekka für Kunstinteressierte. Zu den Hauptattraktionen zählen die Uffizien mit einer der bedeutendsten Kunstsammlungen der Welt.
    www.uffizi.firenze.it
  • Leonardo da Vinci
    Leonardo da Vinci, hat dem Universalgenie der Renaissance gleich zwei spannende Museen gewidmet: das Museo Ideale Leonardo da Vinci in der Via Montalbano 2 und das Museo Leonardiano im Castello di Conti Guidi.
    www.museoleonardo.it
    www.museoleonardiano.it
  • Weitere interessante Leonardo-da-Vinci-Museen
    finden sich in San Gimignano (Via Quercecchio 26) und Florenz (Via Cavour 21 sowie in der Via dei Servi 66/68).
    www.macchinedileonardo.com
    www.mostredileonardo.com
  • EINKAUFEN
  • Le Cantine di Greve in Chianti
    Mehr als 140 verschiedene Weine sowie Olivenöle und weitere Produkte der Toskana können hier verkostet werden.
    www.lecantine.it
  • Castello di Volpaia in Radda in Chianti
    Hier gibt es gute biologische Weine und Olivenöle.
    www.volpaia.com