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Tourenberichte

Naseweiss zurück

Nebelnässe und Novembergrau, vielleicht wieder ein grünes Weihnachten im Regen? Cabrio-Fahrer haben es schwer um diese Jahreszeit. Dieses Jahr mache ich etwas völlig anderes!

Fahrt zum Flughafen München mitten im Dezember. Ringsherum Weihnachtsdekorationen, deren Winteridylle mit Glitzerschnee, Rentierschlitten und dick eingemummten Weihnachtsmännern nicht so recht passen will. Temperaturen um acht Grad. Es nieselt und nässt. Auf den Feldern Reste von fast dahingeschmolzenem Altschnee. Braun. Sumpfig. Nebelig. Ein Gluück, dass es Saisonkennzeichen gibt. Bei diesem Wetter brauche ich kein Cabriolet.
Als ich aus dem Flugzeug steige, ist es 20 Grad kälter. Ich stehe bei minus zwölf Grad im schwedischen Arvidsjaur an meinem Mietwagen und schnuppere kalte, trockene Winterluft. Sehe eine niedrige Sonne schon am Nachmittag nur noch kurz über dem Horizont. Die Landschaft überflutet mit warm-rotem Licht. Nordlicht. Knapp um diese Jahreszeit. Um 10 Uhr geht die Sonne auf und um 15 Uhr schon wieder unter. Der Tag ist kurz. Also schnellaufnachNorden. Ein gerader Stich Richtung Polarkreis. Links und rechts meist schütterer Wald, dazwischen offene Schneeflächen. Die letzten Sonnenstrahlen lassen sie glitzern. Die Temperatur nähert sich immer mehr minus 20 Grad. Ankunft auf der Bonzerosa Ranch nahe Gällivare, einem Wildnis-Hotel in der Einsamkeit von Schwedisch-Lappland. Rote Holzgebäude auf einer kleinen Lichtung, umgeben von Wald. Einige wenige Lichter weisen den Weg vom Parkplatz durch die Polarnacht zum Eingang. Das Thermometer hat zuletzt minus 25 Grad angezeigt. Drinnen wohlige Wärme, ein Kaminfeuer, ein herzliches Willkommen – und ein Abendessen. Aussteiger Harry Voigt hat gebackenen Lachs in Salzkruste gekocht. Im Sommer betreibt er ein Fitness-Studio in Stuttgart, im Winter ist er Abenteurer am Polarkreis und bietet zusammen mit seinem Team Motorschlitten-Touren an. Morgen werde ich mit so einem Schneemobil meine erste Fahrt machen. Denn eigentlich sollte das nicht viel anders sein als Cabrio-Fahren – hatte ich mir gedacht. Nur eben im Winter...

Nach einem Schwedenfrühstück geht es an das Kettenfahrgerät

Am nächsten Morgen zeigt das Thermometer minus 32 Grad. Aber das stört uns nicht weiter. In einer Gruppe von sechs Motorschlitten-Neulingen stehe ich nach einem herzhaften Schwedenfrühstück an meinem Kettenfahrgerät. Eingepackt in einen überaus dick gefütterten Skianzug mit überaus dicken Fausthandschuhen, Moonboots und einer Sturmhaube auf dem Kopf, über die dann noch der Helm kommen wird. Doch vorher noch Harrys Tipps für die erste Begegnung mit diesem Raupen-Kufen-Hybrid, das – ich muss es mir eingestehen – mit einem Cabrio so viel Ähnlichkeit hat wie ein Vespa-Roller. Denn der hat auch kein Lenkrad, sondern eine Lenkstange. Aber dann beginnen die Besonderheiten des Motorschlittens, die ihn eben unvergleichbar machen: Antrieb über eine breite Gummikette unter der Fahrersitzbank. Lenken mit Lenkstange, die sich auf zwei Kufen vorne überträgt. Gasgeben mit dem Daumen über einen kleinen Hebel am rechten Lenkergriff, wo auch der einzige Bremshebel sitzt. Automatisches Getriebe mit Fliehkraftkupplung und Rückwärtsgang. Beheizte Bereiche zum Abstellen der Füße, Griffheizung für die Hände. Eine Sitzbank wie bei einem Motorrad. Große Windschutzscheibe gegen die kalte Polarluft.
Aber eine Windschutzscheibe hat ja auch das Cabriolet. Und das nach oben offene Freilufterlebnis. Den Blick nach den Seiten ohne Begrenzungen von Fenster- oder Tür-Rahmen. Also vielleicht doch so etwas wie Cabrio-Fahren im Winter? Harrys Stimme reißt mich aus meinen Gedanken: „Zum Starten erst den Choke ganz rausziehen, dann am Seilzugstarter kräftig durchziehen.“ Erinnerungen an meinen Rasenmäher kommen auf. Auch viele Motorschlitten haben Zweitakter-Motoren. Doch die bringen aus 550 Kubikzentimetern satte 70 PS. Mein Rasenmäher schafft nicht mal fünf PS. Und auch beim Anspringen hat das Schneemobil die Nase vorne: Mit dem ersten Startversuch ist es da. Bei einem zwischen fünf- und zehntausend Euro teuren Winter-Cabrio darf man dann wohl auch etwas mehr erwarten. Und die meisten Motorschlitten haben gar einen elektrischen Starter.
Als der Motor jetzt anläuft, dann aber doch Gemeinsamkeiten mit meinem Rasenmäher. Zweitakt-Renn-Däng-Däng-Klänge und weißer Rauch aus einem kalten Motor, der die Abgase geschmacklich unvergleichlich macht. Wir stehen im dichten Qualm, also schnell Helm drauf und los. Mit dem Daumen das kleine Hebelchen rechts wacker eindrücken, der Motor heult auf wie eine Kettensäge und mit einem sanften Ruck läuft die Gummikette unter meinem Hintern an, mein erster Motorschlitten-Start ist geglückt. Die Truppe setzt sich in Bewegung. Voraus Harry, der das Tempo angibt.

Die Schlitten-Tour führt durch die letzte große Wildnis mit 100 Seen

Jeder ist für seinen Hintermann verantwortlich und fährt nur so schnell, dass er ihn sehen kann. Einen Spiegel gibt es bei den sportlichen Motorschlitten nicht, ein kurzer Blick über die Schulter muss genuügen. Sofort tauchen wir ein in die Wälder, folgen der Spur des Vordermannes. „Meistens findet der Schlitten seinen Weg fast selber“, hatte uns Harry eingeschärft. Und tatsächlich sind die Kufen im Lenkansprechen nicht mit einem Reifen auf glatter Straße vergleichbar. Und glatte Straßen gibt es hier im schwedischen Outback sowieso nicht. Links und rechts windet sich der schmale Weg durch die Bäume, kleine Hügel hoch und runter in Senken und Täler, in denen sich ein Bach oder kleiner Fluss verbergen mag. Unter meterdickem Schnee ist nichts davon zu sehen. Eine Loipe ist das eigentlich – nur eben für die Motorschlitten. Eine kleine schmale Linie in einem riesigen weißen Schneefeld, aus dem Birken und Kiefern rausschauen.
Dann eine weite, völlig ebene Schneefläche. Wir haben einen der über 100 Seen erreicht, die im Radius der Touren um Gällivare liegen. Land der Tausend Seen nennt man diese letzte große Wildnis Europas hier am Polarkreis. Harry gibt Gas und zieht in einer Wolke aus Schneestaub davon, wir versuchen zu folgen. 90 km/h zeigt die schwankende Tachonadel. Der Fahrtwind wird schneidend trotz Visier und Sturmhaube. Ohne diese Schutzkleidung mit blanker Haut hätte man im Nu Erfrierungen an Nase und Ohren. In rasendem Tempo haben wir unseren ersten See überquert. Wandern über den Wassern mit zuletzt 100 km/h. Was für ein Gefühl!

Die warme Abluft des Motors erzeugt Cabrio-Feeling im Schnee

Langsam haben wir uns eingefahren, Harry forciert das Tempo etwas. In den Kurven üben wir Köpereinsatz, indem wir uns richtig in sie hineinlegen. Also während der Fahrt in den Kurven von der Sitzbank nach links und rechts abhägen, das macht Laune und vor allem – warm. Wenn sich der Motorschlitten schneller auf seinem Zickzack-Parcour durch den Wald bewegt, wird auch der Körpereinsatz an der Lenkstange intensiver. Langsam gewöhnen wir uns an das andere Lenkan- sprechen der Kufen und werden mutiger. Renngefühle am Polarkreis.
Plötzlich ist beim Blick über die Schulter mein Hintermann weg. Ich bleibe stehen, warte. Mein Vordermann wird merken, wenn ich nicht mehr da bin – und so schließlich die ganze Gruppe. Ich probiere die Sache mit dem Rückwärtsgang und schaffe es, das Schneemobil zu wenden und zurückzufahren. Mein Hintermann ist vom Weg abgekommen, der Motorschlitten leicht gekippt. Also zusammen Hand anlegen, die Kufen aus dem Loch heraus auf gleiche Höhe bringen und schon kann das geländegaängige Gefährt sich selber wieder befreien. Aufschließen zum Rest der Gruppe, die Tour geht weiter. Eigentlich erstaunlich, wie gut man mit der Kälte zurecht kommt, wenn man sich durch sportliche Fahrweise und Körpereinsatz etwas warm macht. Das Übrige tut die warme Abluft des Motors an den Füßen und die elektrische Griffheizung an den Händen. Eigentlich fast wie Cabrio-Fahren an einem milden Herbstabend. Wenn auch ich aufgehört habe, Vergleiche zum Cabrio zu ziehen. Zu sportlich, zu direkt ist das Fahrgefühl auf dem Motorschlitten, zu laut sein Motor, der eher an eine Kettensäge erinnert als an das wohlige Brabbeln eines Sechszylinders unter der Haube. Nein, das Schneemobil ist sportlicher, lauter, rauer. Aber es ist ebenfalls ein Fahrspaß der nach oben offenen Art, ein Freilufterlebnis mit Rundumsicht in einer sagenhaften Landschaft. Eine ganz eigene Art der Fortbewegung, die meinem Cabrio unter Null Grad wirklich ernsthafte Konkurrenz machen kann.

Text & Fotos: Gerhard Eisenschink

Sauna auf Schwedisch: Für die Harten gibt’s Abkühlung mit der Schneeschaufel.

Fahrpausen

  • Motorschlitten-Touren
    Scooter Safari Lappland
  • Informationen zu Touren mit Aufenthalt auf der Bonzerosa-Ranch bei Gällivare unter:
    www.scooter-safari.de
  • Motorschlitten
  • Infos zu Motorschlitten finden sich unter anderem bei folgenden Herstellern: Polaris, Ski-Doo, Arctic Cat und Yamaha Motor:
    www.polaris.com
    www.ski-doo.com
    www.arcticcat.com
    www.yamaha-motor.eu
  • Motorrad Action Team
  • Die Programme der Scooter- Safari/ Bonzerosa-Ranch kann man in Deutschland beim Motorrad Action Team buchen.
    www.motorradonline.de/actionteam
  • Schlittenhunde-Camp
  • Auf der Motorschlitten-Tour sieht man im Snowtrail Dogcamp Hundeschlitten, für die zirka 75 Huskys als Zugmaschinen bereitstehen.
    www.snowtraildogcamp.com
  • Sehen & Staunen
    Muddus-Nationalpark
  • Der 500 Quadratkilometer große Muddus-Nationalpark schützt die Schönheit der Landschaft mit ihren vielen Seen, Mooren und Wäldern, süwestlich von Gällivare.
    www.schweden-bereisen.de
  • Arvidsjaur
  • Der Ort liegt 100 Kilometer südlich des Polarkreises und ist Anziehungspunkt für die Autohersteller, die hier ihre Produkte unter Winterhärte testen. Ansonsten ist Arvidsjaur vor allem für Aktivtouren in die Wildnis bekannt: Jagen, Fischen, Wandern, Paddeln, Hunde- oder Motorschlitten-Fahrten im Winter.
    www.infoschweden.de/stadt/arvidsjaur.htm
  • Land & Leute
  • Die Samen (veraltet „Lappen“ genannt) leben als Volksgruppe zwischen Norwegen, Schweden und Finnland nördlich des Polarkreises. Viele Samen sind noch immer Rentierzüchter und benutzen Motorschlitten, um die großen Herden zusammenzuhalten. Die Samen sind die Erfinder des Skis.
  • Essen & Trinken
  • Besondere Leckerbissen sind Spare Ribs nach lappländischer Rezeptur, Rentiergulasch mit geräuchertem Rentierfleisch, auf Salzbett gebackener lappländischer Lachs oder Rentiersuppe.
    www.sweden.se/essen
  • Informieren
  • www.visitsweden.com