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Tourenberichte

Erosionskünstler zurück

Das Colorado-Plateau ist eine Galerie an abstrakten Felsformen, herausmodelliert von Wind, Wetter und dem Colorado River. In der Wildweststadt Moab startet eine Tour auf den Spuren des Kunst schaffenden Flusses — im freilufttauglichen Jeep Wrangler.

Nein, das laute Brabbeln der Stollenreifen ist schon etwas anderes. Ruppige Schaltung, hoher Einstieg, gewöhnungsbedürftige Sitzposition tun ein Übriges. Sicher, da ist der warme Fahrtwind, der bei zurück geklapptem Verdeck schmeichelnd um dich streicht und an eine ganz normale Cabrio-Fahrt erinnern könnte. Aber im bulligen Jeep Wrangler zu sitzen, ist die rustikalere Art, Cabrio zu fahren. Oder ist es genau so wenig Cabrio fahren, wie auf einem Trekker zu sitzen?
Hör auf zu philosophieren. Du bist jetzt einfach auf der Main Street in Moab im Mormonenstaat Utah unterwegs zu einem Abenteuer der nach oben offenen Art. Auf Strecken, bei denen normale Cabrios – wenn es gut geht – ihren Auspuff verlieren. Und wenn es schlecht geht, ihre Ölwanne knacken oder die Radaufängung verbiegen und nur noch am Haken des Abschleppwagens weiterkommen. Eine Geländewagen-Tour wirst du machen. Im Freiluftambiente eines Cabrios, aber mit der Bodenfreiheit und dem Drehmoment eines Traktors. Jedenfalls hast du dieses Brabbeln der Stollenreifen zum letzten Mal zuhause gehört, als irgend so ein Trekker seinen Anhänger mit Zuckerrüben die Straße runterzog.
Die Main Street in Moab ist da schon ein anderes Ambiente für brabbelnde Stollenreifen. Echtes Wildwest-Gelände ist das hier. Moab wurde erst 1855 gegründet, als Missionsstation der Mormonen mitten im Indianerland. Das konnte nicht gut gehen, Indianer zerstören die Station schon bald. Erst 20 Jahre später wurde Moab wieder aufgebaut. Goldsucher, Cowboys und Händler machten um die Jahrhundertwende das Nest zur verrufensten Stadt Utahs. Saloons, Bordelle, Saufgelage, Schießereien, Lynch-Justiz – all das mag entlang der Main Street vor 100 Jahren zu sehen gewesen sein. Passt verdammt gut zu den grobklotzigen Stollenreifen.
Und erst die Umgebung Moabs! Der Arches Nationalpark mit seinen irrwitzigen Steinbögen liegt gleich im Norden. Im Südwesten des Wildwest-Nestes der Canyonlands Nationalpark, der seinen Namen völlig zu Recht hat. Denn alles, was man über die Canyons wissen will, kann man von den dortigen Aussichtspunkten erfahren, und auf einer Vielzahl ausgewaschener, staubiger, zerschundener Pisten herausfinden, die nach einem Fahrzeug wie dem Jeep verlangen. Blicke kann man tun, scheinbar in das Innere der Erde. Erosions-Skulpturen in allen erdenklichen Spielarten der Natur bestaunen. Man blickt in eine Erosionsgalerie mit gezackten, gestuften, gebogenen Felsen in einem roten Sandstein-Sandkasten. Tief unten ein Fluss, der auf Spanisch der „Rotgefärbte“ heißt: der Colorado. Denn rot wird er immer dann, wenn Regenfälle den Sandstein wie aus einem Teebeutel aus der Landschaft in den Fluss waschen.
Doch heute ist ein ganz normaler sonniger Tag, an Regen ist schon seit Tagen nicht zu denken. Auf der US 191 westlich der Stadt überquerst du den Colorado auf dem Weg in den Canyonlands Nationalpark. Island in the Sky heißt dort dein Ziel, die Insel im Himmel. Die hat ihren Namen nicht zu Unrecht, ragt sie doch als ein riesiger Steinblock auf, der auf der einen Seite zum Green River, auf der anderen Seite zum Colorado River steil abfällt und göttliche Ausblicke nach allen Richtungen gewährt. Über weite Prärielandschaft führt dein Weg auf dem oben völlig ebenen Steinklotz dahin. Am Horizont tauchen Mustangs – die unmotorisierten – auf, die deine rote Staubwolke wohl schon lange gesehen haben. Neugierig warten die Pferde am Wegrand und begutachten dich genau. In dieser trockenen Wüstengegend stehen auf einem ganzen Quadratkilometer oft nur ein oder zwei Stück Vieh; mehr Belastung verträgt die spärliche Vegetation nicht. Du kommst an den Rand des fast geometrischen Riesenklotzes und fährst staunend von einem Aussichtspunkt zum nächsten: Dead Horse Point Overlook, wo einem Cowboy einst die Pferde auf der Weide verdursteten, weil sie den senkrecht unter ihnen liegenden Colorado zwar sehen, aber wegen senkrechter Felswände nicht erreichen konnten. Shafer Canyon Overlook, wo eine wilde Piste von der Insel im Himmel eine senkrechte Felswand hinunter Richtung Colorado River führt. Mesa Arch Overlook, wo ein weiter Sandsteinbogen wie ein gigantischer Bilderrahmen in der dazu passenden Landschaft steht. Buck Canyon Overlook, Orange Cliffs Overlook, Grand View Point Overlook. Die atemraubenden Aussichtspunkte scheinen sich gegenseitig überbieten zu wollen.

Um die Jahrhundertwende war Moab die verrufenste Stdt Uthas

Aber Atem rauben sie dir eigentlich nur, weil du so senkrecht in den Bauch der Erde blickst. Nur ein paar Schritte entfernt vom Parkplatz, den du bequem auf der Asphaltstraße erreicht hast. Zusammen mit diversen Wohnmobilen, dicken Limousinen und gar Autobussen. Hast du dafür diesen Jeep gemietet? Wie wäre es denn, deinen Atem mal auf einer richtigen Geländefahrt in Schwung zu bringen? Da war am Anfang deiner Tour durch den Park doch dieser Aussichtspunkt über den Shafer Canyon. Mit Blick auf diese aberwitzige Fahrspur, die durch eine schiere Felswand hinunter Richtung Colorado führt und weiter nach Moab zurück. Das wäre die richtige Route für die Heimfahrt.
Und so nimmt das Abenteuer seinen Lauf, denn kaum ist unweit des Besucherzentrums Island in the Sky der Abzweig zum Shafer Trail gefunden, endet der Asphalt. Passend zur Farbe deines Jeep Wranglers wirbelst du nun roten Staub auf. Immer ruppiger wird der Untergrund, immer langsamer die Fahrt und den Stollenreifen ist das Brabbeln vergangen. Sie bahnen sich jetzt ihren Weg über faustgroße Steine, ausgewaschene Rinnen, felsige Absätze. Allrad braucht es dafür nicht, denn gottlob geht dein Weg abwärts. Aber Schwindelfreiheit, denn nun stehst du hart am Abgrund und fragst dich fassungslos, wie in
aller Welt diese zerschundene Piste durch eine senkrechte Felswand 300 Meter nach unten führen kann. Sie kann es, und der Trail, den Mr. Shafer angelegt hat, ist eine pfadfinderische Glanzleistung. Seit 100 Jahren locken die Canyons um Moab Goldsucher und Prospektoren an, die hier immer wieder mehr oder weniger interessante Funde machten. Shafer war einer von ihnen. In den 1940er- und 50er-Jahren suchte er in den Schluchten und auf den weiten Hochflächen nach Uran und wollte eine schnellere Verbindung vom Colorado hoch auf das Island in the Sky finden.

Hier kann man sich verdammt klein vorkommen

Was heißt hier schnell? Du bist an einer Stelle, die so stark ausgewaschen ist, dass selbst die Bodenfreiheit deines Jeeps an ihre Grenzen kommt. Und mit der langen Kühlerhaube siehst du das Gelände nicht genau genug. Da hilft nur, was auch erfahrene Off-Road-Hasen immer wieder tun: Aussteigen und schauen, ob die Räder auf der richtigen Spur über die Felsen laufen. Aber du wolltest ja etwas, das den Atem raubt und dir das Abenteuer Wildwest naäher bringt. Der Shafer Trail ist so ein Abenteuer. Du hast die kritische Stelle gemeistert und tastest dich weiter hinunter diese nicht enden wollende Felswand. Die Fahrtgeschwindigkeit hat sich drastisch verringert, kühlenden Fahrtwind gibt es schon lange nicht mehr. Du machst jetzt das Verdeck des Jeeps freiwillig hoch, einfach um ein wenig Schatten in dieser heißen Steinwüste zu haben. Cabrio-Gefühle bitte wieder auf der Main Street in Moab. Dann ist der Fuß der Felswand erreicht und mit einem Mal geht es fast wieder horizontal dahin. Wie ein gigantisches Treppenhaus ist diese Landschaft, in der sich Gesteinsschicht über Gesteinsschicht aufbaut. Ausgeräumt und ausgehöhlt vom Erosionskünstler Colorado, der irgendwo da unten wie eine Oase in der Steinwüste fließt. Doch am Fluss bist du noch lange nicht, er liegt noch immer 300 Meter unter dir. Davon kannst du dich überzeugen, denn der Shafer Trail führt nun nahe an den Colorado heran. „The Gooseneck“ heißt eine bemerkenswerte Schleife des Flusses, bei der er sich auf der anderen Seite eines engen Felssattels in der Gegenrichtung fast wieder berührt. Ein Gänsehals könnte tatsächlich kaum verrückter gebogen sein.
Schließlich erreichst du den Colorado doch noch bei der Weiterfahrt. Fast enttäuscht, dass plötzlich die Asphaltstraße wieder beginnt, die den Fluss aufwärts nach Moab zurückführt. Umrahmt von roten Canyonwänden, wie du sie vorher von oben erblickt hast. Gestaltet vom Colorado River, der da so friedlich neben dir fließt, als ob nichts wäre. Eine verrückte Landschaft, in der man sich verdammt klein vorkommen kann. Aber auch ganz schön groß nach so einem Abenteuer. Jedenfalls wirst du jetzt deine Stollenreifen mit ganz anderen Gefühlen über die Main Street in Moab brabbeln lassen. Und das Verdeck wieder aufmachen.

Text & Fotos: Gerhard Eisenschink

Was früher wildes Indianerland war, ist heute beliebtes Touristenland — auch für die Nachfahren der Indianer.

Die Mesa Arch überspannt wie ein versteinerter Regenbogen die unwirkliche Landschaft um Moab.

Halbwilde Mustangs gibt es in den weiten Prärien heute noch — und sie sind neugierig.

Wildwest wie es sich gehört: Das Autowrack in der Wüste wurde zur Zielscheibe moderner Revolverhelden.

Im Canyonlands Nationalpark führt die Route an den irrwitzigsten Steinformationen vorbei.

Der Arches Nationalpark ist eine Galerie an Sandstein- Bögen — die weltweit größte Ansammlung dieser Kolosse.

Fahrpausen in Moab

  • Schlafen
  • Red Cliffs Lodge
    Sie hat ihren Namen zu Recht: urgemütliches Ambiente im Ranch-Stil und sagenhafter Blick auf rote Felswände rundum.
    Mile Post 14 Hwy 128
    Tel. +1 435 259 20 02
    www.redcliffslodge.com
  • Best Western Canyonlands Inn
    Genau im Zentrum Moabs auf der Main Street gelegen, mit solidem Komfort
    16 South Main Street
    Tel. +1 435 259 23 00
    www.canyonlandsinn.com
  • Essen & Trinken
  • Zax Restaurant and Watering Hole
    Ins typisch amerikanische Zax direkt im Zentrum auf der Main Street gehen die Einheimischen, wenn sie Hunger und Durst plagt.
    96 South Main
    Tel. +1 435 259 65 55
    www.zaxmoab.com
  • Buck’s Grill House
    Hier wird serviert, was der Cowboy liebt: Bisonfleisch vom Grill, aber auch ganz normale Steaks im echten US-Stil.
    1393 N Highway 191
    Tel. +1 435 259 52 01
    www.bucksgrillhouse.com
  • Miguel’s Baja Grill
    Ein Blick über die Grenze, denn der Südwesten der USA liebt Mexican food.
    51 North Main Street
    Tel. +1 435 259 65 46
    www.miguelsbajagrill.com
  • Sehen & Staunen
  • Arches-Nationalpark
    Er beheimatet vor den Toren Moabs die weltweit größte Konzentration an natürlichen Steinbögen.
    96 South Main
    Tel. +1 435 259 65 55
    www.nps.gov
  • Canyonlands Nationalpark
    Vom Island in the Sky bieten sich spektakuläre Ausblicke.
    96 South Main
    www.nps.gov
  • Dead Horse Point State Park
    Er grenzt an den Canyonlands Nationalpark und besticht mit einem 600-Meter-Tiefblick auf den Colorado.
    www.utah.com/stateparksv
  • Shoppen
  • The Hoga Trading Company
    Sie bietet im Stil eines alten Handelspostens indianisches Kunsthandwerk und Souvenirs.
    100 South Main
    Tel. +1 435 259 81 18
    www.hogantrading.com
  • Weingüter Castle Creek & Spanish Valley
    Roter Fels und rote Trauben: Wein in der Wüste vor der Kulisse senkrechter Canyonwände, bewässert mit Colorado-Wasser.
    www.discovermoab.com/wine.htm
  • Moab Rock Shop
    Er spiegelt mit seinen Versteinerungen, Kristallen und seltenen Mineralien die Geologie der Umgebung wider.
    600 North Main
    Tel. +1 435 259 73 12
    www.moabrockshop.com
  • Jeep mieten
  • Farabee’s Jeep Rentals
    hat den Gelände-Untersatz für jeden möglichen Einsatzzweck.
    1125 South Highway 191
    Tel. +1 435 259 81 18
    www.farabeesjeeprentals.com
  • Informieren
  • Moab Information Center
    Hier gibt es Informationen über Wetter, Straßenlage, Hotels, Restaurants u.v.m. Es liegt zentral an der Kreuzung zwischen Main Street und Center Street.
    www.discovermoab.com