Home Kontakt Impressum

Tourenberichte

Der Weg ist das Ziel zurück

Tempo 80 ist für uns, die wir Autobahnen artgerecht nutzen, ja eher eine Schleichfahrt. Aber so bleibt Zeit, um die Landschaft Südnorwegens zu genießen – sei es, wenn man an Fjords entlang fährt oder Fjells bezwingt.

Von sage und schreibe 1.800 Fotos eine Auswahl treffen?

Nördlich von Hamburg ist Cabrio fahren ein echtes Alltagsvergnügen. Zwischen Glückstadt und Glücksburg, Nordstrand und Fehmarn bieten sich viele Möglichkeiten, durch gelbe Rapsfelder oder an schwarz-bunt bewohnten Weiden vorbeizugleiten und sich den Wind um die Nase wehen zu lassen. Wer nun glaubt, dass wir Nordlichter per se den Blick nach Norden werfen, wenn wir auf längere Touren gehen wollen – weit gefehlt! Auf die Idee, dem Cabrio einmal Norwegen zu zeigen, brachten mich erst andere sinnigerweise im italieni- schen Trentino bei meiner ersten Teilnahme an einer geführten Cabrio-Tour. Mit leicht verklärtem Blick wurde von Fjorden und Fjells, Bergen und Straßen erzählt, die wohl nur für Cabriolets gebaut wurden. Die übertreiben, dachte ich so bei mir. Aber die Tour beginnt nur fünf Kilometer von meiner Haustür entfernt, und der Weg ist ja bekanntlich das Ziel. Warum also nicht einmal viel Weg in Norwegen als Ziel?

Jetzt sitze ich vor dem PC und sortiere die Bilder unserer Norwegen-Tour aus: Gut 1.800 Fotos haben die Digitalkameras eingefangen. 400 Momentaufnahmen bleiben. Die Reise war ursprünglich im Quartett geplant. Ein Ehepaar mit VW Beetle musste allerdings kurzfristig absagen, so dass wir nur mit drei Fahrzeugen für 16 Tage auf Tour gingen. Das verbliebene Trio ist einheitlich schwarz und könnte trotzdem kaum gemischter sein: Ein Twingo-Targa namens Wind hat einen Boxster und mein altes Volvo Cabrio im Schlepp. Unauffällig ist anders. Kleine Gruppe, großer Spaß!

Hinter jedem Berg oder Tunnel kann wieder die Sonne scheinen

In Norwegen geht es auf der Straße entspannt zu. Tempo 80 ist für uns, die Autobahnen art- gerecht nutzen, ja eher „Schleichfahrt“. Aber man gewöhnt sich unheimlich schnell daran. Es bleibt so beim Fahren immer genügend Zeit, die Landschaft zu genießen. Sei es, wenn wir an einem Fjord entlang fahren oder die Serpentinen zu den Fjells bezwingen. Wobei hier Tempo 80 schon ein anderer „Schnack“ ist. Atlantikküste und Berge liegen praktisch direkt beieinander. Zahlreiche Tunnel und Fähren ebnen unseren Weg durch das südliche Norwegen, das anscheinend ein Mekka für Wohnmobile aus Schweden, Holland und Deutschland ist. Cabriolets sieht man unterwegs allerdings wenige. Warum eigentlich? Das Land ist doch perfekt zum Cabrio fahren!

Größere Städte wie Trondheim, Bergen oder Stavanger lassen wir aus. Erst in Lillehammer ist unser erster Stopp, nachdem wir in Oslo von der Fähre gerollt sind und unterwegs noch eine durchgebrannte Glühbirne und eine tote Starterbatterie ersetzen mussten. Natürlich hatte es in Kiel beim Einchecken auf die „Color Fantasy“ angefangen, wie aus Eimern zu regnen. Aber nach der kleinen Kreuzfahrt mit der Fähre über die Ostsee gehen die Dächer auf, und wir lassen die Sonne rein. Vor mir liegt das Foto vom Rathaus in Lillehammer. Die Fahne davor ist auf halbmast gesetzt. Während unserer Überfahrt haben wir gesehen, dass es in Oslo einen Terroranschlag gegeben hat. Kurz darauf waren alle Fernseher auf dem Schiff abgeschaltet. Nicht nur Norwegen ist geschockt.

Die kleine Fußgängerzone in Lillehammer ist trotzdem voller Menschen. Geschäfte laden zum Stöbern ein. Wir schlürfen Espresso auf der Promenade und decken uns an einem Stand mit norwegischen Erdbeeren ein. Außerdem kaufen wir fangfrischen Lachs, der uns von einem Einheimischen vor dem Fischstand wärmstens empfohlen wird. Älesund ist die zweite größere Stadt, die wir auf unserer Tour noch entdecken werden. Während in Lillehammer typische Holzhäuser, aber auch Steinbauten das Stadtbild prägen, stehen in Älesund nur Steinhäuser auf verschiedenen Inseln am Atlantik. Von einer Aussichtsplattform sieht man auf das Panorama der Stadt im Wasser mit ihren Brücken und Hafenanlagen, wo sogar große Kreuzfahrtschiffe festmachen. Wir erleben Älesund bei schönstem Sonnenschein und haben hier unsere einzige Übernachtung in einem Hotel. Beim Frühstück, direkt vor unserem Fenster, motort ein Schiff der Hurtigruten zum Anleger zirka 100 Meter weiter. Mit Nordfjordeid, Laerdal, Sand und Bud besuchen wir dann die kleinen Orte, die dem typischen Norwegenbild entsprechen. Bunte Holzhäuser wie aus dem Bilderbuch, kleine Häfen mit Yachten, Fischerbooten, Fähren – und natürlich Möwen in allen Gewichtsklassen. Mein Lieblingsfoto aus Nordfjordeid zeigt allerdings nichts typisch Norwegisches: In der Fußgängerzone parkt ein Käfer in der Sonne, der wohl direkt aus dem San Francisco der Blumenkinderzeit hierher gebeamt wurde. Humor haben sie auch, die Norweger. Natürlich sind wir hier, um Cabrio zu fahren. Natürlich möglichst offen. Von den rund 2.900 Kilometern bleibt vielleicht auf 200 Kilometern das Dach zu. Wir stellen schnell fest, dass es ab Tempo 80 nicht reinregnet – soweit nicht einer die Nerven verliert und anhält, um das Dach zu schließen. Leichtes Nieseln oder kurze Schauer gehören im Sommer 2011 dazu, aber nach jedem Tunnel oder Berg kann schon wieder die Sonne scheinen.

Wir umrunden zahlreiche Fjorde. Je nach Sonnenstand leuchten die Wälder an den Berghängen in tausend verschiedenen Grüntönen oder spiegeln sich im Wasser davor. Wenn es sein muss, queren wir die Fjorde auf einer der zahlreichen Fähren: Fjord-Hopping – mal zehn Minuten, mal eine Stunde. Vor mir liegen die Bilder von unserer Fahrt auf dem Lysefjord. Über die Einfahrt des Fjords spannt sich hoch oben eine filigrane Brücke, in deren Seilen ein einsamer Maler turnt. Die Fähre stellt unseren Fuhrpark vor ein Problem: Die Rampe ist für den Porsche zu flach. Die Jungs vom Bordpersonal aber sindlocker drauf und liegen auf allen vieren neben dem Auto, als es vorsichtig rückwärts heraufgefahren wird. Meinen Volvo, der ESP und Sportfahrwerk ja nur vom Hörensagen kennt, interessiert das gar nicht. Wir müssen schmunzeln, als beim Losfahren die Volvo-Federung in Wallung kommt und fröhlich im Takt der Wellen wippt. Die Express-Fähre bringt uns in eineinhalb Stunden zum Fjordende nach Lysebotn.

Der spektakuläre Geirangerfjord war eine Höhepunkt der Tour

Unterwegs werden allerlei Anleger bedient, um Feriengäste, Waren oder Baumaterial in die abgelegenen Ecken des Fjords zu liefern. Sie fährt ziemlich flott zwischen den steilen Hängen hindurch, doch wir können trotzdem zwei bekannte Sehenswürdigkeiten von hier unten anschauen: den Preikestolen und den Kjerag, die auf dem Landweg nur mühsam erwandert werden können.

Der Geirangerfjord ist natürlich ein „Muss“, ein Höhepunkt unserer Tour. Zuerst war der Pass zur Dalsnibba zu bewältigen. Das wäre fast gescheitert, weil der Mautautomat nur Münzen oder Kreditkarten annahm, nicht aber die Scheine, das wir hatten. Von dort hat man einen fantastischen Blick auf den Fjord und auf den Ørnevegen (Adlerstraße), der sich den Berg gegenüber hinaufwindet. Im Vordergrund des Bildes sieht man einen kleinen Troll, der hier auf 1.500 Metern, aus Steinen aufgeschichtet, mit Tausenden seiner Kollegen die Mondlandschaft des Dalsnibba bewohnt. Und in der Tiefe liegt die AIDAblu im leuchtenden Blau des Fjords. Die Fahrt auf den Serpentinen hinunter, vorbei an Wasserfällen, die einem ins Auto zu fallen scheinen, und dann die engen Kurven der Adlerstraße hinauf und ein wenig später den Trollstigen wieder hinunter. Das ist einfach ein Erlebnis! Unser Timing war gut: Zwei Tage später war die Strecke wegen Steinschlags gesperrt.

Auf dem nächsten Bild parken unsere Autos vor einem Fjord. In der Ferne im Hintergrund glänzt ein weißes Dreieck durch die niedrigen Wolken hindurch: der Briksdalsbreen. Wir erkunden den in der Sonne türkisfarben leuchtenden Gletscher zu Fuß und sehen zu, wie der Gletscher kalbt und die abgebrochenen Eisschollen in den See krachen. Gletscher gibt es hier zahlreich. Wir erfahren etliche Fjells, die norwegischen Hochebenen von teils bizarrer Schönheit. Die anschließende Fahrt über das Dovrefjell fiel zwar dem Regen zum Opfer, aber Gaularfjell und Aurlandsvegen nahmen wir unter die Räder.

Die norwegischen Fjells sehen aus wie bizarre Mondlandschaften

Der Tourtag von Vik nach Laerdal und üer den Aurlandsvegen hat besonders fasziniert: Ein Foto mit sagenhaftem Blick auf den Fjord oberhalb von Vik und eins von den uralten Serpentinen der Stalheimskleiva, die gerade so eben zum Wendekreis des Volvos passen. Das Fjell ist wie eine Mondlandschaft mit tiefblauen Gebirgsseen, zu dem nicht nur zahlreiche Trolle aus Steingehören, sondern auch ebenso viele Schafe. Diese können ganz gemütlich hinter jeder Kurve oder Kuppe über die Straßetrotten. Sowie „Dolly“, die einfach auf das Auto zukommt und mir für das Foto fast am Außenspiegel knabbert. Zuletzt noch ein Besuch in Laerdal im Lachsmuseum und dann wieder retour. Ein fantastischer Tag.

Unsere fünfköpfige Reisegruppe sitzt nicht nur im Auto. Wir machen hier gemeinsam Urlaub vom Alltag, und gemeinsam ist durchaus wörtlich zu nehmen. Wir übernachten ein oder zwei Nächte in „Cabins“ oder „Gjards“. Die Cabins, auch „Hytter“ genannt, sind größere Gartenlauben. Holz rundum und mit einer Wiese auf dem Dach, die aber je nach Kategorie schön gemütlich eingerichtet und mit allem ausgestattet sind, was man so braucht. Eine Ferienwohnung befindet sich übrigens in einer uralten Schule, und die Zimmer auf dem alten Bauernhof gleichen einer Puppenstube. Gemeinsam wird gekocht und gegessen. Unterwegs sind die Bergknauben (so eine Art Salami) sehr begehrt. Diese werden eigentlich bei jeder Rast aus dem Porsche gezaubert. Wenn ich mir die Fotos heute so betrachte,wurdeimmerfestlichgetafelt.

Das entspannte Lebensgefühl überträgt sich auf die Feriengäste

Natürlich haben wir den in Norwegen reichlich vorhandenen, preiswerten Fisch in allen Variationen bevorzugt. Absolute Highlights: das Lachsgrillen am See vor unserer Hütte in Vikane. Und natürlich der Besuch in einem Sternelokal in Älesund. Der Preis war astronomisch, aber das Essen entsprechend gut. Was einem in Norwegen mit der Zeit auffällt, ist die Ruhe, die Land und Leute ausstrahlen. Hektische Betriebsamkeit? Hier Fehlanzeige. Gelassenheit ist Trumpf! Das entspannte Lebensgefühl überträgt sich auch auf uns. Radio und Fernsehen bleiben ausgeschaltet. Wir liegen nachmittags entspannt auf der Wiese oder dem Sofa, lesen und warten auf das 18-Uhr-Bier aus dem Kofferraum des Volvos. Abends sitzt man zusammen am Küchentisch und holt den Würfelbecher raus: Einen muss man, zwei kann man, drei zählt nicht. Eigentlich ein Würfelspiel für Kinder, das aber prima zu einem guten Whisky passt. Müsste ich jetzt noch die klassischen Touristenziele auf meinen Fotos beschreiben? Nein. Das können die einschlägigen Reiseführer besser als ich.

Nach 16 Tagen in Südnorwegen kann ich unseren Touren-Chef nur fragen: Wann ist eigentlich die Reise zu den Lofoten geplant? Wie gesagt: Der Weg ist das Ziel, ... und der beginnt direkt vor der Haustür.

Text und Fotos: Wilfried Götsch und Norbert Reif

Cabrio-Tour mit Reiseleitung ab/bis Kiel mit Colorline


  • 12 Übernachtungen im Doppelzimmer
    inklusive aller Fähren und Museen
    Reisetermin: 22.07. bis 03.08.2012

    Hytter-Tour mit Übernachtung und Begleitkoch
    Fahrer: 2.544 Euro / Beifahrer: 1.925 Euro

    Hoteltour mit Halbpension
    Fahrer: 3.213 Euro / Beifahrer: 2.566 Euro

    Anmeldeschluss ist der 31.01.2012.

    www.reif-tours.de

Lachs ist leicht und lecker!

Der Weg ist das Ziel!

Dolly war auch da!