Home Kontakt Impressum

Tourenberichte

Island - Raunen der Vergangenheit zurück

Island ist anders, total anders. Eine ruhelose Insel, die sich am Polarkreis festklammert. Man kommt sich vor wie in der geologischen Werkstatt des Planeten: brodelnde Vulkane, zischende Geysire, Gletscher, raue See, Menschenleere. Fast zwei Drittel der Isländer leben in und um Reykjavík, einer Kleinstadt voller exzentrischer Kreativität.

Hör mal: Das ist Stille. Stille? Kann man Stille denn hören? Kann man. Wenn man ganz ruhig ist. Und sich hinsetzt, da vorne an die Klippe, an der die Insel endet und – unten, tief unten – das Meer beginnt: Dort kann man das. Vor allem jetzt, in der blauen Stunde, nicht mehr richtig Tag, noch nicht richtig Nacht, die Minuten des Ausatmens und Innehaltens, die Zeit des lautlosen andgemenges zwischen Hell und Dunkel, oder dem, was man hier im hohen Norden so nennt. Stille hört man, wenn man andere Geräusche hört, die sonst nicht da sind, das ist das Geheimnis. Wie das Meer unten die Steine umeinander schurrt. Wie die Papageitaucher sich aufplustern für die Nacht. Wie die Moose wachsen und die Fische schwimmen und die Wolken schweben. Wie von links, eit draußen im Dämmer über dem Wasser, ein Schwan herangeflogen kommt. Noch ist er nicht zu sehen, aber das Meer reflektiert die Schläge seiner Flügel: Flapp-flapp macht es, er kommt von links ins Gesichtsfeld, ein Schatten vor dem Himmel, er fliegt vorbei und nach rechts aus dem Bild, und noch dreißig Sekunden später ist er zu hören, flappflapp. Der Abend atmet sanft ein und wieder aus. Es wird Zeit. Fahren wir in die Stadt.

Salzgeschmack des Atlantikwindes mischt sich mit Wacholder-Duft

Man bringt ja von jeder Reise seine Erinnerungen mit, Augenblicke, die von komplizierten neurochemischen Abläufen im Kleinhirn für würdig befunden wurden, irgendwo dort oben abgespeichert zu werden. Und natürlich hätte man aus Reykjavík und Island genügend andere Urlaubsmomente auf der internen Festplatte ablegen können: Der Salzgeschmack des Atlantikwindes beispielsweise, der sich mit dem Duft des Wacholders mischt. Das Juchzen der Kinder, wenn sie auf ihren Islandpferden in die Gischt des Dettifoss traben. Das Fauchen der Geysire. Oder das Sonnenlicht auf den leuchtenden Lupinen, und die Eidechsen recken die Köpfe in die Wärme und die Bienen brummen um ihre kleinen Saurierköpfe. Der kühle Weißwein in dem Restaurant im Hafen am Strand, das Prusten der Wale neben der Fähre. Das Lachen der Männer, spätabends im Pub. Der DJ, der mit den Alben jonglierte. Die ozeantiefen Augen der Frau, die auf der Gartenparty herübersah, als schaue sie einen nicht wirklich an, sondern lausche auf etwas tief drin in einem – noch so ein Moment, noch so ein Augenblick. Island aber wird immer mit dem Flügelschlagen dieses Schwans verbunden sein.

Noch um Mitternacht ist es im Hochsommer taghell

Natürlich weiß man das noch alles nicht, wenn man in Reykjavík ankommt. Nach einem langen Arbeitstag zuhause am Schreibtisch, dem Flug über die Wasserweiten des Atlantiks und der Fahrt vom Airport hinüber in die Stadt.
Man kommt also an in Reykjavík, und weil immer noch Sommer ist, ist es immer noch hell, und weil es immer noch hell ist, vergisst man sehr schnell, dass es schon weit nach Mitternacht ist. Theoretisch müsste sogar noch die Sonne am Horizont kleben, aber das tut sie auch auf Island natürlich nur dann, wenn sie sich nicht irgendwo hinter undurchdringlichen Wolkendecken ersteckt (was sie, das gleich vorneweg, hier oben im Atlantik auch im Hochsommer gerne mal macht). Und was macht Reykjavík? Es geht aus. Komplett. Überall Leute, überall geöffnete Bars, am Tjörnin-See sitzen sie auf Picknickdecken, fehlt bloß noch, dass man in einen Stau gerät nachts um halb zwei. Und dann ist man irgendwann im Hotel und stellt fest, dass sich das Schlafengehen eigentlich nicht mehr lohnt. Es ist immer noch nicht dunkel, und die Menschen unten auf der Straße haben immer noch nicht zu Ende diskutiert. Tausend Jahre lang sei Isländisch im Kühlschrank gelagert worden, hat Hallgrímur Helgason in „101 Reykjavík“ über die Sprache seiner Heimat geschrieben. Nach einer so langen Stille freue sich der Isländer eben, ein bisschen lauter zu reden.

Es gehört zu den gemeinen Volten der Geschichte, dass Island und Reykjavík immer nur dann für Schlagzeilen sorgen, wenn irgendetwas schief läuft. Zuerst die Bankenkrise, dann ein Vulkan, der den Flugverkehr der halben Welt lahm legte, und dann gleich noch einer, allmählich reicht es, finden die Reykjavíker. Wirklich? Man muss sie das natürlich fragen, und irgendwie ist man überhaupt nicht verwundert über die Antworten: Politiker seien eben Schurken und Vulkane eben Vulkane, und heute Abend spiele übrigens eine ziemlich gute Band drüben im Stadttheater, und im Mokka Kaffi gäbe es eine Autorenlesung: Sehen wir uns?

Das fällt in dieser Stadt als allererstes auf: Wie lässig die hier alle sind. Und wie sehr sich die nordatlantische Coolness auf Reykjavíks Optik auswirkt. Die angesagtesten Szene-Cafés sehen aus wie das Wohnzimmer der Patentante 1969, die besten Fischrestaurants erinnern an das Innere von Güterwaggons, und wer für das Hauptstadt-Clubbing zuhause richtig packen will, holt am besten den verfilzten Norwegerpulli, die karierte Golfhose und Opas Sonntagshut aus der Flohmarktkiste. Auch das Stadtbild hat sich der Mix‘n‘Match-Devise irgendwie angepasst: Islands Architekten studieren im Ausland, und wenn sie mit großen Plänen und Visionen zurück kommen aus London oder Chicago, werden sie in ihrer Inselheimat wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt – und müssen mit dem bauen, was hier zur Verfügung steht, alles andere wäre zu teuer. Auch deswegen sieht Reykjavík aus, als sei es aus verschiedenen kleinen Reykjavíks zusammengesetzt, bunte Holzhäuschen hier, schroffe Fabrikbauten dort, unten am Wasser die elegante neue Konzerthalle und weiter hinten die vornehmen Stadtvillen des 19. Jahrhunderts, und über allem steht die Hallgrímskirkja mit ihrem himmelsstrebenden Turm, und Leif Eriksson steht auf seinem Sockel davor und reckt sein stolzes Kinn fast ebenso energisch in die Höhe, der alte Wikinger.

Von Islands 318.000 Einwohnern leben übrigens fast 120.000 in Reykjavík. In jenem Moment, in dem man sich diese Zahl klar gemacht hat, weiß man, dass man mehr von dieser Insel sehen muss als nur ihre quirlige Hauptstadt. Weil man ahnt, dass es da draußen in Island im Grunde menschenleer sein muss, keine 200.000 Einwohner auf einer Fläche so groß wie Bayern und Baden-Württemberg zusammen, was ist denn das bitteschön? Also ins Auto. Also los. Also nach Island.

Wenn man Reykjavík verlässt, merkt man schnell, wie nah die Wildnis ist: Wahrschein Wahrscheinlich ist das die einzige Hauptstadt in der westlichen Welt, in der man innerhalb einer Stunde sogar das Ende der asphaltierten Straßen erreichen kann. Eine Schotterpiste wie die „52“ ins Kaldidalur-Tal etwa. Es rattert und rumpelt und kracht derart über Wellen und Schlaglöcher, dass die Musik aus dem MP3-Player nur noch als Geräuschkulisse wahrnehmbar ist: Es müssen vier Millionen Steinchen sein, die pro Minute von unten gegen das Bodenblech fliegen, mindestens. Das prasselnde Stakkato gehört schon nach wenigen Pistenkilometern so selbstverständlich dazu, dass die abrupte Stille beim Anhalten beinahe unheimlich wirkt. Während dieser Stopps ist da manchmal ein anderes Geräusch, das Autofahrer überhaupt nicht gerne hören: Das leise Zischen, das entsteht, wenn die Luft aus einem defekten Reifen entweicht. Noch ungeliebter ist nur das isländische „Slurpppppsch“. Das kommt aus dem Fußraum des Mietwagens, wenn in der Furt doch wesentlich mehr Wasser war als vermutet. Und wo wir gerade beim Wasser sind: Das muss man schon mögen, wenn man in Island unterwegs ist. Nass ist es nämlich überall, weil überall Flüsse sind.

Islands Naturreserven gehören den Isländern

Oder Wasserfälle, dort, wo sich diese Flüsse über Kanten und Klippen in die Tiefe stürzen. Und wo zufällig mal weder ein Fluss noch ein Fall in der Nähe ist, gibt es garantiert einen der berühmten isländischen Geysire, deren allerberühmtester übrigens auch so heißt: Geysir nämlich. Der Namenspate aller anderen Geysire auf der Welt ist ein unzuverlässiger Gesell und spuckt seine Dampfsäule in erratischen Intervallen in die Höhe; der Strokkur nebendran aber ist alle paar Minuten aktiv. Kurz vorher beginnt das Wasser drum herum zu wallen und zu schäumen, und dann faucht es, als werde ein mittelschwerer Hurrikan im Erdinneren gefangen gehalten. Die Wasserdampf- Säule schießt dann trotzdem so plötzlich in den Himmel, dass man mehrere Durchgänge benötigt, um ein einziges vorzeigbares Foto hinzubekommen. Zu ihren heißen Quellen haben die Isländer übrigens ein ganz besonderes Verhältnis: Früher empfingen die Islands Naturreserven gehören den Isländern Clanchefs der Wikinger Gäste gerne in thermischen Pools, und wenn heute irgendwo auf dieser Insel debattiert oder diskutiert wird, dann geschieht das garantiert in einem „Hot Pot“ unter freiem Himmel. Insofern verwundert es nicht, dass die Übernahme eines heimischen Energieunternehmens durch einen kanadischen Großkonzern neulich zu einem landesweiten Aufschrei der Empörung führte – die heißen Quellen wurden nämlich mitverkauft. Flugs war unter Leitung der Sängerin Björk ein dreitägiger Protest-Karaoke-Marathon organisiert. (In Reykjavík hat man darin Übung: Auf dem Platz vor der Zentralbank wird seit Ausbruch der Finanzkrise jeden Tag gegen die Banker getrommelt und gesungen.)

Den Verkauf des Energieunternehmens konnten die Demonstranten zwar nicht mehr rückgängig machen. Mit ihrem Karaoke-Marathon aber haben sie immerhin erreicht, dass Islands Naturreserven nun zum öffentlichen Eigentum erklärt werden sollen. 48.000 Isländer hatten die Petition unterschrieben. Das sind 15 Prozent der Bevölkerung. Möglicherweise hätten noch mehr protestiert, wenn es nicht geregnet hätte. Aber oft scheint auch die Sonne über Island, und wenn sie das macht und der Regen nicht prasselt, dann ist es am berühmtesten Ort des Landes schon beinahe unheimlich still. Als habe jemand dort oben den Stecker gezogen und damit sämtliche Weltgeräusche abgestellt – so liegt die historische Versammlungsstätte Thingvellir im Rücken einer Felswand. In der Geschichte Islands und in der kollektiven Psyche des Landes nimmt Thingvellir eine Sonderstellung ein: Hier tagte nach der Besiedlung der Insel durch norwegische Wikinger einst das Parlament (wahrscheinlich nur, weil es nirgendwo eine heiße Quelle gab, die genügend Platz bot), hier wurden der tausendste Jahrestag der Staatsgründung gefeiert und die Republik ausgerufen. Thingvellir ist ein beinahe heiliger Ort für die Isländer, beladen mit Geschichte und Geschichten. Manchmal, heißt es, soll man hier das Raunen der Vergangenheit vernehmen können – wenn man ein Ohr dafür hat. Und manchmal fliegt ein Schwan über Thingvellir, und das Geräusch seiner Flügel hallt wider von den Felsen, und man kann die Stille hören, so tief, so laut.

Text & Fotos | Stefan Nink

Das Haus des berühmtesten Isländers: der Wikinger Erik der Rote lebte um das Jahr 1000.

Mix´n´Match: Islands Klamottenläden leben wie die Szene-Cafés von ihrer Lässigkeit.

Kunstmuseum Reykjavík: größte Sammlung bildender Kunst in Island.

Fahrpausen in Reykjavik

  • SCHLAFEN
  • 101 Hotel
    Hverfisgata 10
    IS-101 Reykjavík
    Tel. +354 5 80 01 01
    www.101hotel.is
  • Hotel Borg
    Posthusstraeti 11
    IS-101 Reykjavík
    Tel. +354 5 51 14 40
    www.en.hotelborg.is
  • Hotel Leifur Eiriksson
    Skolavordustigur 45
    IS-101 Reykjavík
    Tel. +354 5 62 08 00
    www.hotelleifur.is
  • ESSEN
  • Icelandic Fish & Chips
    Tryggvagata 8
    IS-101 Reykjavík
    Tel. +354 5 11 11 18
    www.fishandchips.is
  • Vid Tjörnina
    Templarasund 3
    IS-101 Reykjavík
    Tel. +354 5 51 86 66
    www.vidtjornina.is
  • Fish Market
    Adalstraeti 12
    IS-101 Reykjavík
    Tel. +354 5 78 88 77
    www.fiskmarkadurinn.is
  • Silfur
    im Hotel Borg
    Pósthússtraeti 11
    IS-101 Reykjavík
    Tel. +354 5 78 20 08
    www.silfur.is
  • Saegreifinn
    Geirsgata 8
    IS-101 Reykjavík
    Tel. +354 5 53 15 00
    www.saegreifinn.is
  • TRINKEN
  • Skáholt Bar
    (Hótel Holt)
    Bergstadastraeti 37
    IS-101 Reykjavík
    Tel. +354 5 52 57 00
    www.holt.is
  • Boston
    Laugavegur 28b
    IS-101 Reykjavík
    Tel. +354 5 17 78 16
  • Mokka Kaffi
    Skólavördustígur 3a
    IS-101 Reykjavík
    Tel. +354 5 52 11 74
    www.mokka.is
  • Kaffibarinn
    Bergstadastraeti 1
    IS-101 Reykjavík
    Tel. +354 5 51 15 88
    www.kaffibarinn.is
  • ANREISE
  • Icelandair
    fliegt von Frankfurt, München, Hamburg und Berlin nach Reykjavík. Zurzeit bietet die Airline Pauschalpakete an, Flug plus drei Hotelnächte in der Hauptstadt kosten ab 339 Euro pro Person im Doppelzimmer.
    www.icelandair.de
  • SCHAUEN
  • Hafnarhús
    Kunstmuseum Hafenhaus
    Tryggvagata 17
    IS-101 Reykjavík
    Tel. +354 5 90 12 00
    www.artmuseum.is
  • Landnámssýningin
    Landnahmemuseum

    Adalstraeti 16
    IS-101 Reykjavík
    Tel. +354 4 11 63 70
    www.reykjavik871.is
  • Hallgrímskirkja
    Kirche Hallgrímurs
    Skólavörduholt
    IS-121 Reykjavík
    Tel. +354 5 10 10 00
    www.hallgrimskirkja.is
  • EINKAUFEN
  • Kronkron
    Reykjavíks coolster Modeladen. Vivienne Westwood trifft auf die ältesten Wollfabrikanten der Insel.
    Laugavegur 63b
    IS-101 Reykjavík
    Tel. +354 5 62 83 88
    www.kronkron.com
  • NakedApe / Forynja
    Auch wenn man diese Farben niemals selbst anziehen würde: Unbedingt vorbeischauen!
    Laugavegur 12
    IS-101 Reykjavík
    Tel. +354 5 51 14 15
    www.dontbenaked.com
  • Kirsuberjatréd
    Designer-Kollektiv:
    einzigartige Taschen, Vasen, Schüsseln, Keramik
    Vesturgata 4
    IS-101 Reykjavík
    Tel. +354 5 62 89 90
    www.kirs.is
  • ERKUNDEN
    Tagesausflüge
    Skógafoss

    Ein Wasserfall wie ein Elfenschleier. Ein Fußweg führt bis ins Donnern hinein.
    Bei Skógar, 140 Kilometer östlich von Reykjavík an der Ringstraße, ausgeschildert.
  • Eyjafjallajökull
    Der Vulkan ist von der Straße aus zu sehen. An der Ringstraße, 125 Kilometer östlich von Reykjavík.
  • Geysire
    Strokkur & Geysir /
    Wasserfall Gullfoss

    Sie sind die bekanntesten Inselgeysire: Der Strokkur explodiert alle paar Minuten. Islands Niagara-Fälle liegen gleich daneben.
    115 Kilometer östlich von Reykjavík an der 35.
  • Thingvellir
    Islands wichtigster Ort?
    Hier berieten ab dem 10. Jahrhundert die Mächtigen über die Geschicke des Landes.
    Thingvellir National Park, 48 Kilometer nordwestlich von Reykjavík.