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Tourenberichte

Die schöne Unbekannte zurück

Tallinn putzt sich heraus: Die mittelalterliche Ostseemetropole ist Europas Kulturhauptstadt 2011 und kein bisschen verstaubt. Zwar könnte man ohne Weiteres an Originalschauplätzen einen Historienfilm über das Reval – so der alte Name – vor 600 Jahren drehen, doch gleichzeitig ist Tallinn das hippe Zentrum des Baltikums.

Wenn man früher die Einwohner von Tallinn am Ende eines langen Winters gefragt hat, wonach der Frühling wohl rieche, dann schlossen sie genießerisch die Augen. Sie hoben die Nasenflügel, schnüffelten hinein in ihre Erinnerungen, und wenn sie damit fertig waren, zählten sie auf: Der Frühling in Tallinn, schwärmten sie, riecht nach dem Holunder aus den Gärten in der Unterstadt. Nach dem feuchten Pflaster in den Altstadtstraßen früh am Morgen, auf dem die erste Sonne den Tau der Nacht verdampft. Nach den Würstchen, die die jungen Leute auf der Wiese drüben im Tammsaarepark grillen. Er duftet nach den Mandelbäumen an der Alexander-Newski-Kathedrale. Nach dem frischen Apfelkuchen mit Schlag, den man im Café hinter dem Rathaus bekommt. Und die Sonne arbeitet sich an der mittelalterlichen Mauer entlang, bis sie einem das Gesicht wärmt, und alles ist gut und der Winter vorbei. So roch das Frühjahr! Aber eben nur früher. Fragt man die Einwohner von Tallinn heute, wonach der Frühling rieche, dann sagen sie: nach frischer Farbe.

Sogar im Hotelzimmer. Glaubt man. Bis man entdeckt, dass der Geruch von draußen kommt, zusammen mit einer Melodie. Das Fenster steht offen, und gegenüber, auf gleicher Höhe auf der anderen Straßenseite, sitzt ein Maler auf einem Gerüst und pfeift bei der Arbeit. Sorgfältig streicht er einen Sims. Wenn er an eine schwierige Stelle kommt, hört er zu pfeifen auf und steckt die Zunge zwischen die Zähne, als sei er acht Jahre alt und grübele über einer kniffligen Hausaufgabe.

Knapp über ihm taucht jetzt eine Frau in einem Fenster auf, sie stellt dem Maler eine Tasse Kaffee aufs Gerüst. Als die Russen abzogen aus Tallinn, steht im Reiseführer, befanden sich in der kompletten Altstadt lediglich noch fünf Häuser in Privatbesitz, vieles war dem Verfall preisgegeben. Doch dann hätten sich die ursprünglichen Eigentümer oder deren Erben gemeldet und ziemlich schnell ziemliche Summen investiert. Und weil Tallinn dieses Jahr Europäische Kulturhauptstadt ist, haben offensichtlich alle den kompletten langen Winter über sehnsüchtig auf die ersten Sonnentage gewartet, und jetzt sieht es zwischen Domberg und Stadtmauer aus wie bei einem Genossenschaftstreffen der "Vereinigten Maler und Anstreicher Estlands". Etwa 90 Prozent seiner UNESCO-geschützten Bausubstanz aus Hansezeiten hat Tallinn mittlerweile in Schuss gebracht. Und es riecht tatsächlich überall nach frischer Farbe.

Und nach Kaffee. Natürlich nach Kaffee. Weil die Winter kalt sind, hat sich in Tallinn eine respektable Kaffeehaus-Szene etabliert. Es gibt puppenstubenhafte wie das "Matilda", melancholische wie das "Narva", in denen die Traurigkeit mit rotem Samt ausgeschlagen scheint, und luftig-leichte wie das "Komeet", das auch in Oslo stehen könnte oder in einem Szeneviertel Stockholms. Und weil die estnischen Sommer so kurz sind wie die Winter lang, stellen die Wirte natürlich alle Tische und Stühle auf die Straße, sobald die Sonne mehr als eine halbe Stunde am Stück scheint. Da kann man dann wunderbar sitzen, einen Latte trinken und über all die Fragen sinnieren, die einem nach der Stadterkundung in den Sinn kommen.

Dann fangen wir mal an: Wieso eigentlich ist dieses Tallinn in der touristischen Welt bislang eine große Unbekannte geblieben? Warum musste es bis zur Ausrufung des Kulturhauptstadtjahres 2011 dauern, bis man in "Old Europe" so richtig Notiz von Tallinn genommen hat? Eine große Gemeinheit ist das! Schon allein deshalb, weil einem auch nach mehreren Flanier- und Entdeckungstagen keine andere Stadt einfallen mag, die sich architektonisch so unbeschadet durch die Zeitläufte mogeln konnte wie die estnische Hauptstadt. Innerhalb ihres Mauerrings sieht Tallinn aus wie die Vorlage zu einem jener Computerspiele, in denen man seinen Kreuzritter durch die Gassen einer labyrinthischen Festungsanlage des 11. Jahrhunderts steuern kann. Wie mag es hier früher gewesen sein? So um – sagen wir: 1290, als Tallinn Reval hieß und reich wurde durch den Handel mit Fellen, Holz und Flachs? War das damals nicht auch schon so eine Art Globalisierung, wenn deutsche Hansehändler mit russischen Kaufleuten feilschten und norwegische Seeleute hinter estnischen Rockzipfeln her waren? Und wo wir gerade dabei sind: Warum bloß sind alle Frauen hier so groß? Keine Estin scheint unter 1,80 Meter zu sein, und dann kommen noch zehn Zentimeter Absatz hinzu, und schon kann man problemlos am Horizont nach dem Sommer Ausschau halten. Beziehungsweise geradewegs auf die Titelseiten baltischer Modemagazine stolzieren, schön vorsichtig, weil es auf Tallinns Kopfsteinpflaster ziemlich glatt sein kann. Wenn sie ganz estnisch daher kommen, die Frauen in Tallinn, dann sind sie groß und schlank und blond und ein bisschen blass. Dann sehen sie so ätherisch aus wie Gwyneth Paltrow. Oder Cate Blanchett. Meeresblaue Augen? Scheinen hier sowieso zur genetisch verankerten Standardausrüstung zu gehören. Und dass sie gerne einen Geigenkasten unter dem Arm haben oder ein Flötenetui – das wohl auch.

Auf Plätzen, in Kirchen und Cafés: Musik ist überall in Tallinn

Musik ist überall in Tallinn. Nicht nur in den gerade angesagten Clubs und nicht nur in den Kirchen, sondern auch auf den Plätzen und in den Cafés, und in den Küchen wahrscheinlich auch. Wer zum tönenden Protest 300.000 Menschen auf die Straßen Tallinns bekommt wie die Esten 1991 bei ihrer Singenden Revolution gegen die russischen Besatzer, muss ein musikalisches Völkchen sein. Die Chöre der estnischen Hauptstadt gehören zu den berühmtesten Europas, Stimmen, die sich übereinanderschichten und -türmen, immer höher und höher hinauf Richtung Wolken, jubilierende Vorgruppen der himmlischen Heerscharen. Und wer das Glück hat, bei seinem Besuch ein Werk des Dirigenten Paavo Järvi hören zu dürfen oder eines des Komponisten Arvo Pärt, der ahnt, dass manche Menschen das tatsächlich können: ein kleines Eckchen Ewigkeit auf die Erde holen.

Die Musik, die man in der Stadt hören kann, ist üb-rigens von den Landschaften außerhalb der Stadt inspiriert, von der Weite ihrer Horizonte, der Klarheit der Luft, dem Leuchten der Dinge. Wenn man mit dem Auto den Gürtel aus Industrieanlagen und Plattenbausiedlungen rund um Tallinn hinter sich gelassen hat, öffnet sich eine Welt der Felder und Moore, der flachen Ebenen und rauen Küsten, über die der kalte Nordwind heranpfeift. Nicht nur Musiker haben sich hier Anregungen geholt, die Möbeldesigner zum Beispiel, deren Stücke so simpel sind, ganz schlicht, ganz sparsam, als ob Zen eine baltische Philosophie-Richtung wäre. Tal-linns Architekten sind ebenfalls so gepolt und bauen Hotels für die Titelseiten von Designzeitschriften. Und die Modedesigner schütteln Kollektionen in Naturtönen aus dem Ärmel, die trotz aller Erdverbundenheit schwebend daherkommen. Auch das fällt auf in Tallinn: Wie selbstverständlich-nebensächlich die Schwere des mittelalterlichen Zentrums erleichtert wird. Durch eine moderne, gelbe Tür in einem 500 Jahre alten Haus. Eine Galerie für zeitgenössische Fotografie in einem steinalten Wachturm. Eine minimalistisch gestylte Bar in einem gotischen Gewölbe. Ein Restaurant hinter dicken Mauern, durch dessen Fenster das Glitzern des Meeres fällt wie fein gemahlener Sternenstaub.

"Geschichten von der Meereküste" geben Tallinn seine Seele wieder

Dass es eine Stadt an der See ist: Das hatte Tallinn beinahe vergessen. Dabei war es natürlich seine Lage an der Küste, die das einstige Reval reich und mächtig werden ließ. Diese Stadt ist am Meer groß geworden, und auf und von und mit ihm hat sie gelebt. Das Meer bedeutete alles für Tallinn, es bedeutete Freiheit und Kontakt und Abendessen, und vielleicht auch deswegen hört sich die Sprache der Menschen hier so an, als schwämmen die Worte auf den Kämmen der Meeres-wogen. Dann aber kamen die Russen und erklärten Wasser und Küste zum Sperrgebiet: Fluchtgefahr nach Skandinavien; Helsinki liegt schließlich nur 60 Kilometer entfernt. Und in den langen Jahren, in dem es nichts mit dem Meer zu tun haben durfte, wurde es Tallinn allmählich gleichgültig. Das soll sich nun wieder ändern, die Sanierungsexperten der Stadtverwaltung haben die vernachlässigten Uferbezirke längst im Visier. Das Motto des Kulturhauptstadtjahres heißt: "Geschichten von der Meeresküste".

Tausend davon, sagt man, gebe es in Tallinn, tausend Geschichten, die früher in den langen estnischen Wintern die Abende an Herd und Kaminfeuer verkürzten. Die Mauern der Altstadtgassen erzählen sie, und die mittelalterlichen Häuser, aus deren ziegelgedeckten Dächern sie aufsteigen wie Dunst. Eine dieser Geschichten begegnet einem überall. Sie steht in den Broschüren der Touristeninformation und in jedem Reiseführer, und die Bänkelsänger im "Olde Hansa"-Restaurant singen sie von der Empore. Es ist die Geschichte vom grünen Kobold, der einmal im Jahr aus dem Ülemiste-See im Süden der Stadt auftaucht und sich erkundigt, ob Tallinn denn nun fertig sei. Die Mauerwächter früher wussten, dass der Kobold die Stadt überἀuten würde, wenn sie seine Frage bejahten – weshalb sie energisch mit dem Kopf schüttelten, worauf der fiese Kobold bis zum kommenden Jahr verschwand. Mauerwächter gibt es nicht mehr, aber Tallinn muss sich ohnehin nicht sorgen: Dass es nicht fertig ist, noch immer nicht und wahrscheinlich niemals so ganz – das könnte selbst ein grünes Männchen in stockfinstrer Nacht erkennen: Es müsste nur ein bisschen schnuppern, und schon würde es die frische Farbe riechen.

Text | Stefan Nink

Attraktive Küstenlage

  • Der nordöstlichste Punkt des mächtigen Hansebundes war die alte Handelsstadt Reval, seit 1918 Tallinn. Mit knapp 500.000 Einwohnern lebt heute etwa ein Drittel der Esten in der Hauptstadt.
  • Jung, Spontan, Weltoffen
    Tallinn ist Estlands Tor zur Welt. Zukunftsweisende Moderne trifft hier auf die tausendjährige Vergangenheit einer Hansestadt. Und so sind sogar die Augen der Estin meerblau.

Junge Szene: In den verwinkelten Gassen sorgen coole Bars für Hippness.

Symbiose aus Alt und Neu: knallbunge Tür in uraltem Gemäuer.

Fahrpausen

  • in Tallinn, Hauptstadt der Ostseerepublik Estland
  • ANREISEN PER FÄHRE
  • Rostock-Helsinki-Tallinn
    Dauer: ca. 26 Stunden
    Die Fähren ins Baltikum sind gut ausgelastet. Tickets also unbedingt zeitig reservieren.
    www.baltikuminfo.de
    www.tallinksilja.com
  • SCHLAFEN
  • Schlösslehotel
    Pühavaimu 13/15
    EST-10123 Tallinn
    Tel. +372.699 77 00
    www.schloesslehotel.com
  • Three Sisters
    Pikk 71/Tolli 2
    EST-10133 Tallinn
    Tel. +372.6.30 63 00
    www.threesistershotel.com
  • SCHAUEN
  • Kumu Art Museum
    Weizenbergi 34/Valge 1
    EST-10127 Tallinn
    Tel. +372.6.02 60 01
    www.ekm.ee
  • Alexander-Newski-Kathedrale
    Lossi plats 10
    EST-10130 Tallinn
    Tel. +372.6.44 34 84
  • Kadriorg Palast
    Weizenbergi 37
    EST-10127 Tallinn
    Tel. +372.6.06 64 00
    www.ekm.ee
  • ESSEN & TRINKEN
  • Olde Hansa
    Vana Turg 1
    EST-10140 Tallinn
    Tel. +372.6.27 90 20
    www.oldehansa.ee
  • Restaurant O
    Mere Puiestee 6e
    EST-10111 Tallinn
    Tel. +372.6.61 61 50
    www.restoran-o.ee
  • Neh
    Lootsi 4
    EST-10151 Tallinn
    Tel. +372.6.02 22 22
    www.neh.ee
  • Stenhus Restaurant (im Schlösslehotel)
    Pühavaimu 13/15
    EST-10123 Tallinn
    Tel. +372.6.99 77 00
    www.schloesslehotel.com
  • Mekk
    Suur Karja 17/19
    EST-10148 Tallinn
    Tel. +372.6.80 66 88www.mekk.ee
  • Fish & Wine
    Harju 1
    EST-10146 Tallinn
    Tel. +372.6.62 30 13
    www.fw.ee
  • EINKAUFEN
  • Kaubamaja / Kaufhaus
    Gonsiori 2
    EST-10143 Tallinn
    Tel. +372.6.67 31 00
    www.kaubamaja.ee
  • Hula / Fashion
    Pikk 41
    EST-10133 Tallinn
    Tel. +372.6.46 43 69
    www.hula.ee
  • Vivian Vau / Schuhe
    Rataskaevu 2
    EST-10123 Tallinn
    Tel. +372.6.41 64 40
    www.vivianvau.ee
  • Liviko / Spirituosen
    Masina 11
    EST-10144 Tallinn
    Tel. +372.6.67 80 00
    www.liviko.ee
  • AUSGEHEN
  • Club Hollywood
    Vana-Posti 8
    EST-10146 Tallinn
    Tel. +372.6.27 47 70
    www.club-hollywood.ee
  • Hell Hunt
    Pikk 39
    EST-10133 Tallinn
    Tel. +372.6.81 83 33
    www.hellhunt.ee
  • KAFFEE & KUCHEN
  • Matilda
    Lühike jalg 4
    EST-10130 Tallinn
    Tel. +372.6.81 65 90
    www.matilda.ee
  • Narva
    Narva maantee 10
    EST-10124 Tallinn
    Tel. +372.6.60 17 86
    www.kohviknarva.ee
  • Komeet
    Solaris Center, Estonia Pst. 9
    EST-10143 Tallinn
    Tel. +372.6.14 00 90
    www.kohvikkomeet.ee
  • INFORMIEREN
  • Eestonian Tourist Board
    Mönckebergstr. 5
    D-20095 Hamburg
    Tel. +49.40.30 38 78 99
    www.visitestonia.com
  • Kulturhauptstadtprogramm
    www.tallinn2011.ee