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Tourenberichte

Graz mon Amur zurück

Wem die Adria zu weit und der Osten zu wild ist, macht am besten in Graz Station. Hier trifft sich die Welt. Die Landeshauptstadt der Steiermark ist eine Metropole im Kleinformat.

Lange überlege ich nun schon, ob "Graz ist geil" nicht die bessere Überschrift wäre. Weil es Argumente zuhauf gibt, seinen Wohnsitz an die Mur zu verlegen und weil Saturn in Österreich nach wie vor sein"Geiz ist geil" in den Äther schickt, das hätte also lautmalerisch etwas. Jenseits der Alpen darf noch unverhohlen zum Sparen aufgerufen werden, der Rubel rollt trotzdem. Das Beste ist den Grazern gerade gut genug.

Siehe zum Beispiel "Kastner & Öhler", ein Warenhaus, ach was, ein Prachtpalast, dem soeben für schlappe 40 Millionen Euro neues Leben eingehaucht und eine markante Dachkrone in Form einer Börsenkurve aufgesetzt worden ist. Wer was auf sich hält, schlürft seinen Champagner an der Bar im ersten Stock dieser Belle-Époque-Reinkarnation – und berauscht sich an all dem Marmor, Onyx und vergoldeten Stuck. Zwei kaiserlich-königliche Baumeister, bezeichnenderweise Theaterarchitekten, haben die stilistische Richtung eingeschlagen. Seither ist der Gebäudekomplex an der Sackstraße Ausbund lustvollen Flanierens.

Im "Kastner", wie er landläufig heißt, spiegelt sich das Leben eines jeden Steirers: Hier kaufen die Eltern den Sprösslingen das erste Hemd und die Hinterbliebenen noch lange nicht das letzte.

Sogar eine Stadtführung zollt dem einst größten Umschlagplatz der Alpen- und Küstenländer Tribut. Wer jetzt fragt, wie das zusammengehe, Kaufhaus und Bildungsauftrag, dem bescheidet Sigrid Alber im Tonfall einer Burgschauspielerin: "Der Kastner ist kein Kaufhaus, der Kastner ist eine Institution." Und als solche wird er mit der gleichen Zuneigung bedacht wie Uhrturm, Kunsthaus, Murinsel oder die Weikhard-Uhr am Hauptplatz, Stelldichein der Verliebten und sonst wie Verabredeten. Frau Alber muss es wissen. Sie führt "DieGrazGuides" an, eine Gruppe Einheimischer, die sich um die steirische Lebensart verdient macht. Das ist auch bitter nötig.

"Sie kennen den ‚steirischen herbst‘ nicht?" entrüstet sich die Mittfünfzigerin, nachdem ich einfach auf ein Volksfest getippt habe. "Das Kulturfestival gibt es seit über 40 Jahren", sagt die Expertin, noch immer um Fassung ringend. So lasse ich mich nicht zweimal bitten, als Frau Alber zum Sightseeing bittet. In Graz, der zweitgrößten Stadt der Alpenrepublik, vom Weg abzuirren, ist schwer. Verlaufen ja, aber verirren? Nein! Auch wenn mein Tourguide touristische Trampelpfade scheut wie der Teufel das Weihwasser.

Im Fall des Falles hilft ein Blick nach oben, um sich zu verorten. Oben der Uhrturm, unten, am Fuß des Schlossbergs, flächendeckend Weltkulturerbe. Und wo sich krumme Dächer in rot gescheckten Biberschwanzziegeln an den felsigen Hang schmiegen, ist Graz am grazilsten. Keine Bausünden, nichts höher als sechs Stockwerke, stattdessen kunsthistorisch beeindruckende Fassaden, "getüncht in gemütliches Chaos miteinander verschränkter Stilepochen", wie Saša Stanišic, gewesener Stadtschreiber, in seiner Ode an Graz dichtet. Progressive Architektur und charmantes Stadtbild schließen sich hier nicht aus, sie bedingen einander.

Eine enorme Umtriebigkeit hat der Murmetropole viel Reputation eingebracht und noch mehr Titel: Universitätsstadt, Kulturhauptstadt, Genusshauptstadt, nicht zu vergessen der Adelsschlag zum Weltkulturerbe, und, bei meinem Besuch noch anhängig, die Bewerbung zur "City of Design".

Übertrumpft wird die Titelhuberei nur vom Festivalreigen, der in Graz ganzjährig Konjunktur hat. Anders als Messen und Kongresse, die in den Herbst fallen. Dann steigen die Zimmerpreise, in den Straßen und engen Gassen mischt sich rurale Beschaulichkeit mit urbaner Geschäftigkeit und im "Erzherzog Johann", erstes Haus am Platz, ächzt das Parkett unter den Rollen der Rimowa-Trolleys.

Im herausgeputzten Entrée parkt meine Abendbelustigung – Segways, die zur blättern den Pracht der Hotelfassade passen wie ein Auftritt Ben Hurs im "Krieg der Sterne". Rasch denn aufgesprungen und mit dem elektrobetriebenen Spindelmäher den Asphalt rasiert. Die Sackstraße auf und ab, links und rechts durch die Herrengasse, kreuz und quer über den Franziskanerplatz. Weiter über die Murbrücke zum Südtiroler Platz und zurück, die bucklige Sporgasse hoch, langsam aber sicher dem Höhepunkt entgegen.

Gott zum Gruß, du fesche Grazerin, wohin zur vorgerückten Stunde? Ins "Eckstein", kein schlechter Plan. Am Mehlplatz gelegen, inmitten des hiesigen Bermudadreiecks. An lauen Abenden, und von denen gibt es hier nicht wenige, zieht die Piazza Hunderte in ihren Bann.

Fällt das Thermometer, ziehen sich die Grazer, umwölkt von Nikotinschwaden, an kleine Tische in heimelige Gewölbe zurück. Gerne auf einen Spritz, der selbst zur Kastanienlese schmeckt, dem Adriaeinfluss sei Dank. Fast das ganze Jahr herrscht Dolce Vita, keine drei Autostunden sind es ans Meer. Osteuropa ist um die Ecke, manchmal gleich am Nebentisch, was ungarische Elemente in Optik und Akustik verraten. Ich halte es, die klammen Hände am Kerzenlicht wärmend, mit zwei Achtel Schilcher, jenem neben dem Sauvignon Blanc vornehmsten aller steirischen Weine. Draußen wartet in stiller Vorfreude Ben Hurs Fuhrpark. Für eine letzte Reise durch die Nacht.

Geschwind an aufgeklappten Bürgersteigen vorbei zu ein paar Ehrenrunden auf den dösenden Hauptplatz, der sich um diese Zeit von den Maroniröstern, Würstlgrillern und Gemüsedantlern erholt.

Tags zeigt sich Graz freilich von seiner quirligen Seite. Dann wird das morgendliche Überqueren der Murgasse zur Mutprobe. Die "Bim" genannte Straßenbahn klingt mir offen gesagt eine Idee zu harmlos, dafür, dass sie ohne Warnung vorbeirauscht.

Wer nach dem ersten Großen Braunen (doppelter Espresso mit Kaffeesahne) des Tages noch alle Zehen am Fuß hat, ist wahrscheinlich ein Anwärter auf Einbürgerung. Und mit dem Wissen von Sigrid Alber auf einen Job als Fremdenführer. Jeder Taxifahrer fühlt sich ja mittlerweile als solcher, nur weil er die Geschichte vom "Friendly Alien" – dem Kunsthaus Graz – parat hat. Tatsächlich bewegen wir uns noch immer im Dunstkreis des meerblauen Acrylglasbaus. Dahinter, im ehemaligen Rotlicht- und Glas scherbenviertel, basteln, werken und schneidern zahlreiche Designer, deren Flaniermeile, die Mariahilferstraße, zahlungskräftige Kunden lockt.

Wo sind wir stehen geblieben? Ach ja, bei den Usancen. Saumseligkeit ist den Menschen eine Zier, ohne die es sich nicht leichter lebt. Auch Gleichmut ist so ein Wort, das es trifft. Oder, um mit den Worten meiner Begleitung zu sprechen: "Wir Grazer gewöhnen uns an alles."

An die Murinsel, einen avantgardistischen Koloss aus Stahl und Glas mitten im Flussbett. Oder an den Literaturweg, in den Boden eingelassene Messingplatten mit Textfragmenten, die nicht mit Füßen getreten werden. Beides sozusagen Strandgut der kultureuropäischen Ekstasen, in deren Mittelpunkt Graz 2003 als Hauptstadt gestanden ist.

Auf das Meiste sind sie richtiggehend stolz: ihre akademische Jazzszene, die nirgendwo in Europa eine längere Tradition hat und in der Kasemattenbühne auf dem Schlossberg eine würdige Spielstätte im künstlerischen Herzen der Stadt unterhält. Schloss Eggenberg selbstredend, frisch mit dem Siegel Weltkulturerbe der UNESCO versehen. Die Oper nebst Bauernmarkt auf dem Kaiser-Josef-Platz, ein Muss für jeden, der auf den Geschmack von Hausmannskost kommen möchte. Und natürlich dürfen die touristischen Schwergewichte wie Dom, Mausoleum, Zeughaus, Burg und Landhaus nicht fehlen, letzteres ist übrigens der imposanteste Renaissancebau unserer Breiten. Wir steigen auf den Schlossberg, das heißt, in den gläsernen Aufzug, der 260 Stufen und wunde Hacken erspart. Im Windschatten des Uhrturms übernimmt dann Frau Albers Zeigefinger das Kommando. Die Stadt, Fernsicht vorausgesetzt, erschließt sich auf diese Weise gut von oben.

Der bronzene Dachaufbau vom Kastner – zum Greifen nah. Architekten aus Spanien und Deutschland hat Graz seinen Aufstieg in die Champions League des Einzelhandels zu verdanken, dort, wo Selfridges, Lafayette, KaDeWe und Macy’s spielen. Big-Apple-Feeling auch bei der Freiheitsstatue, die spritzenmäßig in den Himmel ragt, seit Amerika Motto beim "steirischen herbst" gewesen ist.

Die Welt hält allenthalben Probe in Graz, nicht nur architektonisch. Die besseren Kreise tragen ihr Selbstbewusstsein heute stolzer denn je übers Trottoir, seit sie nicht mehr nach Wien zum Shoppen müssen. Auch Salzburg hat an Reiz verloren, weil laut Frau Alber bei einem repräsentativen Blindtest ans Licht gekommen ist, dass die besten Mozartkugeln in Wahrheit an der Mur zu Hause sind. Das älteste Mozart-Denkmal nennen sie eh schon ihr Eigen. Graz ist wahrlich kein Kind von Traurigkeit, umso mehr Schauplatz für ein Dramolett erster Güte: Die Frau des Uhrturmwächters, keine fade Person, wie man hier so schön sagt, hat sich einen Liebhaber gehalten. Als der arglose Ehemann einmal früher heimgekehrt ist, ist Feuer am Dach gewesen. Der Nebenbuhler hat versucht, durchs Fenster abzuhauen, ist aber am Zeiger der Uhr hängen geblieben. Soviel zum wilden Treiben in Graz.

Es sind vor allem Schmankerl wie diese, die mich die Zeit vergessen lassen. Dabei habe ich mir vorgenommen, die kulinarischen Tipps von Frau Alber zu beherzigen. Ob den besten Tafelspitz ("Landhaus-Keller") oder das beste Gulasch ("Gösser Bräu"), die beste Pizza ("Don Camillo") oder die besten Tapas ("Steirer") – Sigrid Alber ist um keinen Fingerzeig verlegen. Ich gebe "Frankowitsch" den Vorzug, perfekt für einen gepflegten Pfiff und ein paar herzhafte Brötchen zur Feier des Tages.

Anders als der Begriff suggeriert, handelt es sich um Schwarzbrot, garniert mit hausgemachten Aufstrichen. Vorreiter ist ein gewisser Trzesniewski in Wien gewesen, aber als der sich mit einer Filiale ins Steirische gewagt hat, haben sie ihm gezeigt, wer Herr im Haus ist. Letztlich hat er wieder die Koffer packen müssen, den Namen haben sie in Graz ohnehin nicht aussprechen können.

Ich sitze also im hübsch ausstaffierten Geschäftslokal des Platzhirschen in der Stempfergasse, notiere, ignorant wie ich bin, etwas von leckeren Kanapees und nehme einen kräftigen Schluck Pfiff. Und während ich dem süßen Nichtstun nachhänge, überlege ich, ob "Graz hat’s" vielleicht nicht doch die beste von allen Überschriften wäre. Graz hat's.

Text | Michael Raeke
Fotos | Bernd Kammerer

Fahrpausen

Der Panther bewacht die größte Sammlung historischer Waffen im Zeughaus.

Der schmucke Hof des Landhauses - der imposanteste Renaissancebau unserer Breiten.

Die Murinsel, ein avantgardistischer Koloss aus Stahl und Glas, ist vom Provisorium zum Inventar geworden.

Grazer Rathaus mit Erzherzog-Johann-Brunnen am Hauptplatz.