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Die Göttliche zurück

In Frankreich sind Autos weiblich. Es heißt "la voiture" (Wagen). Trotzdem werden Fahrzeuge dort weniger wichtig genommen als bei uns. Es sei denn, es handelt sich um eine Motor-Madame wiedas legendäre Citroen DS Cabriolet. Ihm verliehen die Franzosenden Titel "Die Göttliche."

Es ist außergewöhnlich elegant, über alle Modetrends erhaben, sehr selten und seit den sechziger Jahren für die Franzosen eine Herzenssache: Das Citroen DS Cabrio.

In Deutschland machte der Wagen Fernsehkarriere. Erinnern Sie sich an Anwalt Abel? Der spleenige Jurist löste in einer TV-Serie der späten achtziger Jahre auf unkonventionelle Weise Kriminalfälle. In seiner Freizeit frönte er frankophilen Leidenschaften. Dazu gehörte nicht nur guter Rotwein, sondern auch ein elegantes französisches Cabriolet. Die Titelrolle gehörte dem Schauspieler Günther Maria Halmer, die heimliche Hauptrolle spielte für Autoliebhaber das Citroen DS Cabrio. Wenngleich es so manchem Klassikfan die Tränen in die Augen gedrückt haben dürfte, wenn er mit ansehen musste, wie Abel das schicke und mittlerweile sehr teure Cabrio durch den Stadtverkehr jagte.

Cabriolets wie der Citroen DS sind für entspannte Genussfahrten geschaffen. Ihre natürliche Umgebung sind südfranzösische Küstenstraßen oder feine Boulevards zwischen Nizza und Bordeaux. Hier entfalten sie ihren Charakter am besten, hier begann schon manche erfolgreiche Karriere. Doch mit großem Erfolg rechnete bei dem Citroen-Cabrio zunächst höchstens sein Hersteller.

1955 stellte Citroen die seinerzeit revolutionäre viertürige Limousine DS vor. Der DS war eine technische Sensation mit hydropneumatischer Federung, Servolenkung, vorderen Scheibenbremsen, zwei unabhängigen Bremskreisen und – als einer der damals wenigen – auch noch mit Gürtelreifen. Seine Fans liebten es, wenn sich der Wagen nach dem Abschalten des Motors dezent um einige Zentimeter bodenwärts senkte oderbeim Anlassen den umgekehrten Weg nach oben ging. Den Komfort erhöhten das einarmige Lenkrad, die unkonventionellen Instrumente und die sofaartigen Sessel. Ebenso typisch wie gewöhnungsbedürftig war die Knopfbremse, die viel Feingefühl im Fuß verlangte. 1961 folgte schließlich das zweitürige Cabrio, das in der Karosserieschmiede von Henri Chapron in Levallois-Perret bei Paris gebaut wurde. Chapron hatte Erfahrung, nachdem er in Eigenregie bereits einige hundert Limousinen in Cabrios verwandelt hatte. Ab 1961 nun war er der offizielle Cabrio-Produzent. Die Viersitzer waren kürzer als die Limousinen, basierten aber auf derselben Technik. Trotzdem hatten sie einen kleinen Makel: Sie stellten sich als etwas rostanfälliger als die Limousinen heraus, was wohl auch mit der Handarbeit im Hause Chapron zu tun haben dürfte. Bis 1971 rollten insgesamt rund 1.365 Cabrios aus den Produktionshallen.

Ihr Designer – Flaminio Bertoni – war ein Künstler. Er feilte an der damals futuristischen Linienführung des Wagens bis zum perfekten Ergebnis. Die charakteristische Karosserie und das einmalige Fahrgefühl dahinzugleiten, sorgten dafür, dass aus der DS "La Déesse", zu deutsch: die Göttliche, wurde - und bis heute blieb. Dennoch wurde das Cabrio ab 1971 nur noch auf besonderen Wunsch hergestellt. 1975 wurde die DS-Reihe vom CX abgelöst. Chapron baute noch einige wenige Cabrio-Versionen des teuren Coupés SM, das teils mit Maserati-Technik ausgestattet wurde.

Das DS Cabrio blieb zeitlebens ein avantgardistischer Außenseiter, ein Fall für Liebhaber der französisch inspirierten Art der Fortbewegung. Man verglich das Cabrio zuweilen auch mit einem eleganten Motorboot. Zu den von Chapron vor 1961 gebauten Cabrios und den danach folgenden offiziellen Werkscabrios sollten sich noch etliche Umbauten von Limousinen gesellen. Wer heute ein solches Cabrio sucht, tut gut sich von Experten beraten zu lassen und im internationalen Chapron-Register die Herkunft zu kontrollieren. Obwohl das Cabrio nie groß in Szene getreten ist, auch nie ein Kultobjekt der Society wurde wie so manche Porsche- oder Mercedes-Cabrios, avancierte es zum teuren Klassiker. Während man Limousinen in ordentlichem Zustand ab 5.000 Euro erhält, hat sich das Cabrio in weitaus höheren Preisbereichen positioniert. Echte Chaprons rangieren längst im sechsstelligen Euro-Bereich. Auf der Rétro-mobile in Versailles wurde im Februar bei einer Auktion von Bonham seines von drei gefertigten DS 23 Cabrios mit rarem Einspritzmotor für 338.000 Euro ersteigert. Keine Frage – für die Gangsterjagd im Stadtverkehr ist die DS eindeutig zu schade und zu kostbar. Die Göttliche will verwöhnt und verehrt werden.