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Modelle / Top-Hersteller

Aus die Maus zurück

Die Katze lässt das Mausen: Jaguar schickt seine XK-Modellreihe in Rente – die edle 2+2-Katze hat ausgedient. Grund genug, die Last Edition namens XK66 noch einmal als Cabrio durch die Sommerluft zu schicken und eines der letzten Gentlecars zu genießen.

Es war ein Gentlecar. Ein Cabriolet, das nicht mit Neidattacken zu überzeugen versuchte, sondern sozialverträglich dank britischer Zurückhaltung über die Straßen rollte, obwohl es durchaus Luxus und Lebensart transportierte. Ein sportlicher Wagen, der weder ein Sportwagen sein konnte, noch durfte, noch wollte. Und wer die Audio-Anlage nicht mit dumpfer Mainstream-Langeweile fütterte, sondern intelligente Musik als Begleiter wählte, musste die Lautstärke nicht mal beim Ampelstopp drosseln, weil niemand etwas gegen die Kombination von Stil und Stil hat.
Aber damit ist es jetzt vorbei. Der Jaguar XK – mit Unterbrechungen Begleiter seit 1948 – ist endgültig Geschichte. Mit dem Sondermodell XK66 (steht für 66 Limited und Last Edition) verabschiedet sich eine Legende. Wir steigen in „einen von 66“, wie es auf dem Badge am Armaturenbrett auf der Beifahrerseite steht, wie früher schon im XK.

Das britische Gentlecar ist viel zu fein für kindische Ampelstarts

Ein beleuchteter Starterknopf lässt den V8 aufleben. Dumpf blubbert es aus den Auspüffen, stark, aber nicht aufdringlich. Und natürlich erstmal: Dach auf. Ein (zu) kleiner Hebel am Dach muss gedrückt werden – in rund 15 Sekunden hat sich das Dach in sein Fach gelegt, nach weiteren fünf Sekunden sind die Fenster versenkt. Schade, dass man dies nicht mit einer Fernbedienung machen kann. Drive-Selector auf D oder S, sanft Gas geben, und das immerhin gut 1,6 Tonnen-Cabrio gleitet durch den Verkehr. Ja, der XK gleitet, unaufgeregt, ungestört, kraftvoll, und niemand versucht, das Gentlecar zu kindischen Ampelstartrennen aufzufordern. Der XK ist ein Lord, dessen Abstammung man ahnt und respektiert, weil er die Autowelt eben ein bisschen besser gemacht hat, ohne sich aufzudrängen.

Der Jaguar XK66 ist zwar nicht perfekt – aber sympatisch

Er verabschiedet sich mit XK66-Emble- men an seitlichen Lufteinlässen und am Heck. Zwei Außenfarben stehen dabei zur Wahl: „British Racing Green“ (mit Dach in Beige) oder „Stratus“ (Anthrazit, Dach in Schwarz). Die Außenspiegelkappen sind in Chrom gehalten, die Kofferraumleiste ist aus Edelstahl. Natürlich gibt es spezielle Räder – beim XK66 nennen sich die 20-Zöller „Orona“. Innen kann man wählen zwischen hellbraunem und grauem Softgrain-Leder mit Kontrastnähten in Grau oder Ivory. Die Paneele sind sehr britisch mit Walnusswurzelholz belegt, die Oberflächen glänzen in poliertem Chrom.
Auch technisch hat der XK66 etwas zu bieten, was andere XK nicht haben: Kurvenlicht mit schwenkbaren Scheinwerfern und Abbiegelicht, eine Rückfahrkamera, die automatische Reifendruckkontrolle und eine automatische Umluftfunktion. Geschaltet wird mit Schaltwippen, die Grundeinstellung des Getriebes wird mit einem Lederbesetzten Drive-Selector gewählt. Bei einem Preis von 107.580 Euro (Coupé: 99.380 Euro) soll das Sondermodell einen Preisvorteil von ca. 10.000 Euro bieten. Die hinteren Sitze sind zwar schön gemacht, aber so gut wie unbrauchbar wegen fehlender Beinfreiheit. Und wer mal eben das Gepäck hinten reinschmeißt, wird auch nicht glücklich, weil es hässliche Druckspuren auf der hinteren Mittelkonsole hinterlässt. Dann lieber die Sachen in den Kofferraum, der natürlich arg eingeschränkt wird durch den Verdeckkasten. Der wiederum nimmt es übel, wenn er etwas durch Gepäck behindert wird und verweigert die Aufnahme des Daches. Ansonsten gibt es nicht viel zu meckern bei der Last Edition. Klar, dass Jaguar den Touchscreen nicht mehr ändert, der nach wie vor durch langsames Reagieren und umständliche Bedienung auffällt. Und dass sich die Geschwindigkeitsregelanlage bei einer Bodenwelle auf der Autobahn selbstständig abschaltet, kann man als britische Eigenheit gelten lassen, weil es einen hohen Unterhaltungswert besitzt. Apropos „hoher Unterhaltungswert“: Den besaß der XK schon immer. Die Modellreihe wurde stets – wenn auch nicht immer vollkommen zeitgleich – als offene und geschlossene Version gleichzeitig angeboten. Die Historie geht zurück bis 1948. Da stellte Firmenchef William Lyons den XK120, den er selbst entworfen hatte, auf der London Motor Show vor. Die 120 stand für 120 Meilen Spitzentempo (193 km/h), und das war damals enorm schnell. Der Grund dafür lag unter der geschwungenen Motorhaube: ein neuer, 3.442 Kubikzentimeter großer Reihen-Sechszylinder mit 160 PS. Preis: 1.263 Pfund.

Der Jaguar E-Type hieß in den Vereinigten Staaten: XK-E

1954 folgte der XK140 – sozusagen die familienfreundliche Version. Es gab so viel Platz im Innenraum, dass eine Rücksitzbank installiert wurde, durchaus praktikabel für zwei Kinder oder einen Erwachsenen auf kurzer Strecke. Die Motorleistung wuchs auf 190 PS. Im Mai 1957 folgte der XK150 – die wohl bedeutendste Neuerung waren Scheibenbremsen rundum. Trotz Aluhaube wog das schwerste Exemplar, das Drophead Coupé, fast 1,5 Tonnen. Und was Jaguar am 15. März 1961 auf dem Genfer Salon als dessen Nachfolger vorstellte, wird hierzulande nur selten mit der XK- Baureihe in einem Atemzug genannt: der Jaguar E-Type – in den USA hieß er XK-E. Auf E folgte im September 1975 der XJS als vierte XK-Generation – mit 285 PS starkem Zwölfzylinder, und zunächst nur als Coupé. Erst 1983 folgte die Cabrio-Version: Wenn man das Dachteil entfernte, blieb ein Targa-Bügel stehen, aber man konnte zusätzlich noch das Heckteil versenken. So ausgerüstet nannte sich das Auto „XJ-SC“ und war ein reiner Zweisitzer. Ebenfalls 1983 zog der schon bewährte AJ6-Sechszylinder unter die Motorhaube des XJS ein und löste die nun 40 Jahre alte Lyons-Konstruktion ab.
Erst 1988 ließ sich Jaguar von Kunden überzeugen, dass ein Targa nur eine halbe Sache für eingefleischte Cabrio-Fans ist: das Voll-Cabriolet kam auf den Markt. Das Dach ließ sich in zwölf Sekunden elektrisch versenken und das Heckfenster war bereits aus echtem Glas mit Heizdrähten. 120.000 Mark dafür waren zwar ein stolzer Preis, doch die Käufer griffen gerne zu. 1995 erhielt der XJS noch ein letztes, aber umfangreiches Facelift.
1996 stand die fünfte Generation auf der Straße: Der XK8 übernahm vom Vorgänger nur die Abmessungen, sonst nichts. Ein bei Ford gebauter Jaguar 4,0-Liter-V8 mit 294 PS sorgte für ein Top-Tempo von 250 km/h. Das Chassis wurde aus Aluminium gefertigt. Trotzdem kam er nicht an den Reiz des E-Type heran, aber das sollte er auch nicht: Der Markt rief nach konservativen Produkten, „trendy“ war out. Trotzdem setzte der XK8 Trends: Zu den „Best-in-Class“-Auszeichnungen gehörte „die meiste Kraft pro Liter Hubraum“, „höchstes maximales Drehmoment pro Liter“, „am meisten Leistung pro Kilo Motorengewicht“, „leichtestes Gesamt- gewicht“ und „steifste Karosserie“. 1998 kam der XKR hinzu, eine Powerversion – mit 370 PS. Natürlich auch als Cabriolet. Im Jahr 2006 war es Zeit für eine gründliche Überholung des XK, was einer neuen Generation gleich kam. Der damals neue Designchef Ian Callum, der noch heute für die Optik aller Jaguar zuständig ist, entwickelte den XK8 weiter und kreierte die jetzt auslaufende sechste Generation. Deren Top-Modell XKR-S erreichte seine Leistungsspitze im Jahr 2011, als die Briten den XK mit 550 PS dank 5,0-Liter-V8 vorstellten. Von der letzten Generation XK wurden von 2006 bis heute rund 60.000 Stück weltweit verkauft, in Deutschland griffen 6.000 Käufer zum edlen Gleiter. Und nun? Aus die Maus. Dafür fährt der F-Type nun zusätzlich die Krallen aus. Die Produktionskapazitäten werden unter anderem für den kommenden Jaguar-SUV benötigt, eine 2+2-Katze passt da nicht mehr dazu.
Wir trauern einem der wenigen Gentlecars nach. Mögen die bislang gebauten Exemplare lange überleben...

Text: Roland Löwisch
Fotos: Jaguar, Roland Löwisch

  • Technische Daten
    Jaguar XK66
  • Reihenvierzylinder
  • VB
  • 5.000 ccm
  • 385 PS (283 kW) bei 6.500 U/min
  • 515 Nm bei 3.500 U/min
  • Sechsgang-Automatik
  • Hinterräder
  • 1.680 kg
  • 4.790/1.890/1.320 mm
  • 2.750 mm
  • 0-100 km/h in 5,6 sec
  • 250 km/h
  • 11,2 l/100 km
  • 264 g/km
  • 107.580 Euro

1949 - Hollywood-Star Van Johnson im xK120

1952 - Actor Clark Gable im XK120

1953 - Jaguar XK120

1956 - Jaguar XK140 DHC

1957 - Jaguar XK150

1975 - Jaguar XJS

1993 - Jaguar XJS

1998 - Jaguar XK8 Convertible