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Modelle / Top-Hersteller

Hartnäckiges aus Holland zurück

Einst war Spyker eine niederländische Edelmarke, die mit Langmut 45 Jahre zu den Anfangszeiten des Automobils überlebte und als erste einen V6- Motor mit Allradantrieb verband. Heute ist Spyker eine Edelmarke, die sich mit gleicher Verve gegen die Riesen der Branche behauptet und mit dem B6 Venator Spyder einen neuen Mitspieler ins Rennen wirft.

Es war frisch, der Rasen feucht und die Luft kühl, als Multimillionär Victor R. Muller am relativ frühen Morgen auf dem hochedlen Rasen des Golfclubs „The Quail“ bei Carmel in Kalifornien, USA, sein neuestes Werk aus dem Hause Spyker zeigte. Vielleicht waren das die Gründe, warum nur eine Handvoll Menschen bei der klassischen Enthüllung mittels Tuchlüftung zugegen waren. Ein paar freundliche Händeklatscher, vorbei war die Show. Die Zeremonie hätte mehr Schaulustige verdient, denn schließlich sollte sich jeder Autofan freuen, wenn ein kleiner Hersteller nicht nur überleben kann, sondern auch immer wieder ungewöhnliche Automobile auf den Markt bringt. Wie Spyker den B6 Venator Spyder.
Bitte wer, bitte was? Zugegeben – Spyker ist noch längst nicht jedem bekannt. Auch nicht trotz der Tatsache, dass es die kleine niederländische Manufaktur war, die vor nicht langer Zeit kurz eine Kröte namens Saab schluckte und sich damit übernahm. Wie bekannt, gehört Saab jetzt den Chinesen und versucht, auf eigenen Beinen zu stehen. Und Spyker kann sich wieder auf das konzentrieren, womit die Firma seit ihrer Geburt im Jahre 1880 begann: auf kunstvolle und künstlerisch wertvolle Fahrzeuge. So ist auch der offene B6 Venator wieder mehr ein Sammlerstück als ein Alltagsauto – das liegt allein an Muller, der sowohl Firmen- als auch Formenchef ist. Wieder hat er versucht, die alte Auto- und Flugzeughistorie der Marke in den neuen Wagen einfließen zu lassen. Der Grill hat wieder eine V-Form wie die der historischen Vorbilder. Ganz modern sind die LED-Scheinwerfer, die dem Wagen zu seinem aggressiven Auftreten verhelfen. Die LEDs hinten sollen an das Nachbrennen der Düsen moderner Abfangjäger erinnern.

350 PS aus einem V6 haben mit 1.400 Kilo Gewicht keine Probleme

Auch im Innenraum des Venator Spyder hat sich Muller bemüht, das Cockpit wie das eines Flugzeugs zu stylen. Das Leder stammt von der „Royal Hulshof Dutch Gerberei“ in Lichtenvoorde – eine Firma, die nur die besten westeuropäischen Bullen nutzt. Das Armaturenbrett besteht aus Aluminium, über dem Starterhebel befindet sich eine rote Kappe – ebenfalls aus dem Flugzeugcockpit übernommen. Die Startprozedur erweckt einen V6 zum Leben, der dank rund 350 PS keine Probleme mit knapp 1.400 Kilogramm Wagengewicht hat. Fahrleistungen gibt Spyker allerdings noch nicht an. Die Produktion soll im Laufe des Jahres 2014 beginnen, den Preis gibt Spyker momentan mit „rund 150.000 Euro“ an. Einen Spyker auf der Straße zu sehen, gehört allerdings heute wie früher zu den seltenen Ereignissen im Leben eines Autofans. Die ursprüngliche Firma „Rijtuigfabriek Gebr Spijker“ gründeten 1880 die beiden Brüder Hendrik-Jan und Jacobus jr. Spijker in Hilversum. Beide lernten in Paris den Kutschenbau. Sie lieferten stets gute Qualitätsarbeit ab, und der Standort ihrer Fabrik gegenüber der Eisenbahnstation half, ihren Namen weiterzutragen. 1885 boten sie bereits 32 verschiedene Kutschenversionen an – vom Duc Victoria über Coupés, Mylords bis hin zu Spydern und Buggys. 1886 zogen die Spijkers nach Amsterdam, nach zehn Jahren im Geschäft waren sie die größten Kutschenbauer in den Niederlanden. Um neues Geld zu generieren, firmierten sie um in NV Kutschenbau. 1890 boten sie 35 verschiedene Kutschen an, und weil sich der englische Markt für die Brüder öffnete, änderten sie ihren Nachnamen in das verständlichere „Spyker“ um. Der Erfolg der Brüder lag in der Machart ihrer Kutschen: Als einzige arbeiteten sie mit einem reinen Stahlchassis, wo woanders noch ein Mix aus Stahl und Holz verwendet wurde. Sandstrahl- und Poliermaschinen waren bei ihnen Standard, ebenso Näh- und Faltmaschinen. Die Preisspanne war gigantisch: Das einfachste Fahrzeug war ein Derby Cart für zwei für 400 Gulden, eine „Caleche a huit ressorts“ kostete 3.200 Gulden. Ihr größter Job, die Goldene Kutsche für die Königin, kostete 120.000 Gulden: Zwölf Mann arbeiteten 18 Monate an dem 1,7 Tonnen schweren Vehikel. Allerdings war es trotzdem im Vergleich ein Leichtgewicht: Das englische Pendant wog vier Tonnen. Doch bald zog das Auto auch in die Niederlanden ein. Das erste befuhr wahrscheinlich am 19. Mai 1896 holländischen Boden, als der Fotograf Zimmermans seinen Benz Victoria über den Rhein nach Arnheim brachte. Im September zog der Notar Backx von Wieringerwerf mit einem anderen Daimler nach. Das erste offiziell importierte Auto war ein Daimler für M.W. Aertnijs. Erst am 26. April 1898 wurde der erste holländische Führerschein ausgegeben, und zwar an W.A. van Dam, damit er seinen Lutzmann pilotieren konnte. Das erste in Holland hergestellte Auto dürfte der Einzylinder der Eijsink-Brüder von Amersfoort in 1898 gewesen sein. Eine kleine Serie davon legten sie erst ein Jahr später auf.

1898 erhält Jacobus Spijker seine Fahrerlaubnis: Nummer 57

Am 17. März 1898 erhielt Jacobus Spijker seine Fahrerlaubnis (Nummer 57). Er nutzte sie, um bei der „Automobil Tour“ des Nederlandsche Automobiel Club von Amsterdam über Utrecht nach Hilversum zu fahren. Sein Auto: ein von ihm und seinem Bruder bearbeiteter Benz, genannt „Spyker, Benz genre“. Besonders Hendrik-Jan reiste ständig nach Frankreich und Amerika, um sich nach den neusten Herstellungsprozessen von Holz und Stahl zu erkundigen.
Am 19. November 1898 änderten die Brüder den Namen ihrer Firma um in „NV Industriële Maatschappij Trompenburg“, um in den Autobau einzusteigen. 1890 bauten die Spijker-Brüder ihr erstes Auto – im Grunde nach wie vor ein veränderter Benz. Sie kauften einen 5-PS-Einzylinder aus dem Benz Duc und entwarfen ihre eigene Karosserie. Ein Markenzeichen wurden die „Artillerie-Räder“ mit eleganten schlanken Holzspeichen. 1900 kostete ein 3-PS-Modell 2.350 Gulden, für das 5-PS-Modell nahmen sie 3.200 Gulden – viel Geld im Vergleich zu dem Benz, der ein Jahr zuvor 1.600 Gulden kostete. Zudem wuchs inländische Konkurrenz, die ebenfalls Benz-Motoren benutzte – wie die Autohersteller Simplex und Eijsink. So wurde nie etwas aus dem Spijker-Plan, mit 100 Arbeitern 500 Autos pro Jahr zu bauen. Wahrscheinlich wurden nur rund ein Dutzend 5-HP-Spijker hergestellt. Dafür spricht, dass Anfang 1900 gerade mal 150 Autos in den Niederlanden registriert waren, 1901 waren es 270, 1903 erst 515. Trotzdem wuchs die Firma.

Ein Spyker schaffte schon 1907 die 15.000 km der Rallye Peking-Paris

Das Auto, das Spyker unsterblich in der Automobilhistorie machte, präsentierten die Brüder im Jahre 1903: den 60 HP mit Sechszylindermotor und Allradantrieb als Grand-Prix-Racer. Schon alleine vier angetriebene Räder beim Pkw waren eine Sensation, in Zusammenhang mit einem Sechszylinder allerdings eine Weltneuheit. Aber auch weitere Entwicklungen machten Furore: 1907 fuhr der Franzose M. Goddard die Rallye Peking-Paris in einem Spyker 14/18 PK. Beide bewältigten die 15.000 Kilometer lange Strecke in sechs Monaten. Königin Wilhelminas erstes Auto war 1911 ein 40 HP von Spyker. 1914 schloss sich Spyker mit der Dutch Aircraft Factory N.V zusammen – das Motto: „Nulla tenaci invia est via“ („Für den Hartnäckigen ist kein Weg unpassierbar“). Im ersten Weltkrieg produzierte das Konglomerat rund 100 Spyker-Flugzeuge und 200 Flugzeugmotoren – zu dieser Zeit entstand auch das Markenzeichen, ein Rad mit einem Propeller. Danach konzentrierte man sich wieder ausschließlich aufs Auto: 1920 brach ein Spyker C4 (auch: „Tenax“) den Dauerlauf-Rekord von Rolls-Royce um 6.000 Kilometer. In einem Monat absolvierte das Auto in holländischem Winterwetter 30.360 Kilometer. Zwei Jahre später wählte der Tempo besessene Rekordfahrer Selwyn Francis Edge eine Spyker-C4-Basis, um mit einer aerodynamischen Karosserie darauf einen Tempodurchschnitt von 120 km/h während zweier Zwölf-Stunden-Runs zu fahren. Allerdings musste die Firma trotz solcher Erfolge 1925 schließen – nennenswerte Stückzahlen hat sie nie vorweisen können: Die Schätzungen gehen von insgesamt 1.500 bis 2.000 Stück aus.

Laviolette, Aileron, Venator — Spyker ist umtriebig

Davon ist Victor Muller, der die Marke genau 75 Jahre später wieder zum Leben erweckte, allerdings weit entfernt. 2001 präsentierte er als erstes Auto den Spyker C8 Laviolette Concept, gefolgt vom C8 Double 12 R. 2002 kam der C8 Double 12 S hinzu, vier Jahre später als Idee der D8 Peking-to-Paris-Concept. Im gleichen Jahr kaufte Muller das Midland-Formel- 1-Team und fuhr ein Jahr lang in der Formel 1 mit (heute Force India). Auf dem 77. Genfer Salon präsentierte er eine Zusammenarbeit mit Andrea Zagato: den C12 Zagato Concept.
2009 wurde der C8 Aileron aufgelegt. Mit einem C8 Laviolette GT2R beendete Spyker das Rennen in Le Mans als Fünfter der Klasse. Den C8 Aileron Spyder Concept zeigte Muller beim Concours d’Elegance in Pebble Beach. Anfang 2010 machte Spyker von sich reden, als man die kleine Firma Saab kaufte. Ergebnis siehe oben.
So jagt Muller seit nun fast 14 Jahren mit seiner kleinen Firma solventen Kunden hinterher, die das Besondere schätzen. Aber nicht deswegen heißt sein neuestes Werk Venator (lateinisch für „Hunter“, also „Jäger“). Der wahre Grund ist, dass ein Flugzeug aus der Spyker-Historie so hieß. Bei Spyker gibt es eben nichts ohne Hinweis auf die ruhmvolle Vergangenheit...

www.spykercars.com

Text: Roland Löwisch
Fotos: Spyker N.V.

  • Technische Daten
    Spyker B6 Venator Spyder Concept
  • Aluminium
  • Carbon
  • 19-Zoll-Turbofan
  • V6-Mittelmotor
  • ca. 375 PS
  • Antrieb über Hinterräder
  • Sechsgang-Automatik
  • 4.347/1.882 mm
  • 2.500 mm
  • 1.400kg
  • www.spykercars.com