Home Kontakt Impressum

Modelle / Top-Hersteller

Voll auf die 100 zurück

Wenn ein Edelhersteller wie Aston Martin ein Jahrhundert-Jubiläum begeht, ist das an sich schon etwas Besonderes. Wenn aber dazu 100 Sportwagen der Marke in Italien starten und 1.000 Meilen nach London fahren, um sich mit 900 englischen Wagen aller Baujahre im Hyde Park zu treffen, ist das unvergesslich. Cabriolife feierte in einem DB9 Volante mit.

Die Schweizer Polizei kennt keine Gnade. 21 km/h zu viel: 1.100 Euro Strafe, 90 Tage Fahrverbot. Und das bedeutet bei den Eidgenossen: sofort aussteigen. Da die Gattin des Geknickten keinen Führerschein besitzt, helfen ein paar Italiener aus, um den offenen Aston Martin V8 legal aus dem Land zu fahren. Man ist schließlich eine Familie! Eine kleine Familie – in 100 Jahren Aston Martin sind gerade mal 65.000 Autos gebaut worden, davon rund 50.000 seit dem Jahr 2000. Das Ziel ist London, Hyde Park und Kensington Gardens: Hier treffen sich rund 1.000 Aston Martin zum großen Jubiläum der kleinen Edelmarke – „das größte Event in London seit den Olympischen Spielen,“ wie der europäische Managing Director von Aston Martin, Jeffrey Scott, verspricht. „So viele Autos dieser Marke an einem Ort gab es noch niemals auf der Welt.“ Aber die in Frankfurt beheimatete deutsche Abteilung des Herstellers der allgemein anerkannt schönsten Sportwagen will nicht einfach nur nach England fliegen und feiern – nein, so einfach macht es sich die Edelfirma nicht: Sie suchte einen Ort, der ziemlich genau 1.000 Meilen entfernt ist vom Hyde Park und das passende Ambiente für die recht verwöhnte Klientel bietet.

Wie die kleinen Jungs geben wir mächtig Gas in jedem Tunnel

Einen Weg von dort nach England, durch sieben Länder, der viele wunderschöne Landschaften und Straßen beinhaltet. Auf dem Weg sollen verschiedene Teilnehmer zu dem Start-Konvoi von 50 Wagen dazu zustoßen, so dass schließlich 100 Autos in drei Eurotunnel-Zügen die große Insel entern, um gemeinsam in London einzuziehen. Die mit dem längsten Anreiseweg kommen sogar aus Moskau und Portugal. Kurz: Die Wahl fällt auf den Comer See – Treffen im CastaDiva Resort & Spa im Schatten des Montepiatto. Wir haben die Wahl zwischen einem neuen Aston Martin Vanquish und einem offenen DB9. Natürlich nehmen wir den Volante. Ein offener New Vanquish mit 574 PS, den wir am liebsten gefahren wären, wird das nächste neue Modell auf dem Markt sein – er ist noch nicht ganz fertig. Gegen Mittag startet der Konvoi und gönnt sich eine Dreiviertel-Umrundung des Comer Sees über Cernobbio und Menaggio. Und schnell wird deutlich, dass die meisten Aston-Martin-Besitzer nicht nur Gentlemen, sondern manchmal auch kleine Jungs sind: Kaum sehen sie einen Tunneleingang (und davon gibt es auf der Strecke nach Konstanz über St. Moritz viele), schalten sie mindestens einen Gang zurück, drücken den Knopf zum Sport-Mode, um das Klappensystem im Auspuffstrang zu aktivieren, und geben schubweise Gas. Wenn das alleine schon zehn Wagen gleichzeitig tun, müssten sie das in Mailand noch hören, und wenn das 50 Aston Martin tun, vielleicht in Maranello. Und wir geben zu: Auch wenn der Aston Martin DB9 Volante ein hocheleganter und sportlicher Grand Tourer ist, der mit seinem laufruhigen Sauger-V12 517 PS und 620 Newtonmeter auf die Kurbelwelle abgibt und zu den luxuriösesten 2+2-Sitzern der Welt gehört, sind auch wir nicht dagegen gefeit, ihn fauchen zu lassen. Das ist vielleicht nicht die feine Art, macht aber höllisch Spaß... Etwas gesitteter fallen wir in St. Moritz ein und pausieren vor dem Kempinski Hotel – hier finden auch die Winter-Events von Aston Martin statt, bei denen man lernt, seinen Wagen im Grenzbereich auf sicheren Eis- und Schneeflächen zu pilotieren. Weiter geht es nach Konstanz, dem Schlusspunkt der ersten Etappe. Neben der Fahrererlaubnis des Teilnehmers, der in der Schweiz erwischt wurde und der eines Kollegen, dem es ähnlich ergangen ist, sind keine Verluste zu beklagen.

Ein Traumwagen reiht sich am anderen — das kommt nie wieder

Der kommende Tag verspricht kleine Sträßchen durch den Schwarzwald und die deutsche Autobahn – den DB9 bringen wir offen, mit versenkten Scheiben und abgelehntem Windschott auf 267 km/h, bis uns der Verkehr bremst. 290 km/h sollen möglich sein, aber auch so tobt schon ein herrlicher Sturm übers Bridge-of-Weir-Leder, der eine Unterhaltung unmöglich und kämmen am Abend zur schmerzhaften Prozedur macht. Egal – in so einem Cabrio wäre es nahezu schändlich, von den 1.600 Kilometern freiwillig auch nur einen in herrlichstem Hochsommer unter einem mehrlagigen Verdeck zu verbringen. Die Deutsche Weinstraße ist genauso ein Highlight wie die Fahrt am nächsten Tag durch die Eifel und zum Testcenter von Aston Martin am Nürburgring und weiter durch die Ardennen nach Lille. Von dort geht es zum Eurotunnel – und London empfängt uns mit royalen Wolken und majestätischer Kühle. Letztere verschwindet aber schnell aus Hirnen und Herzen beim großen Meeting am Sonntag in Londons grünem Herzen Hyde Park/Kensington Gardens: Auf einem Feld sammeln sich rund 1.000 Aston Martin vieler Baujahre vom Vorkriegsauto bis zum modernen Ultra-Powercar One-77. Und auf der Flaniermeile hat Aston Martin, der AM Heritage Trust und der Aston Martin Owners Club in gut zweijähriger Arbeit 101 Modelle aus der Aston Martin-Historie aufgereiht, begonnen beim ältesten existieren Auto, dem A3 aus dem Jahr 1922, bis zum extra für das Jubiläum gebauten offenen Sportler CC100 als Geschenk an sich selber, Blick in die Designzukunft und somit 101. Modell.

Zum Schluss wird zwischen den schönen Pretiosen gepicknickt

Beim Defilieren der scheinbar endlosen Reihe von Pretiosen stockt dem Autoliebhaber – besonders dem englischer Wagen und ganz besonders dem von Aston Martin Cars – der Atem, bis der Betrachter blau anläuft. Um nur ein paar Highlights aus Cabrio-Sicht zu nennen: ein offener F-Type Four-Door-Tourer aus dem Jahr 1928, einer von nur 15 gebauten; ein New International von 1932 mit 1,5-Liter-Motor; ein Ulster 2 Seater, den es 1934 für 750 Pfund gab, gebaute Stückzahl: 21; ein 2-litre Sports von 1948, der später DB1 genannt wurde, weil er als erstes Auto unter der Ägide von David Brown entstand; ein DB2 Drophead Coupé von 1950; ein Lagonda 2.6 litre Dophead Coupé, einer der wenigen Produktionsautos dieser Marke nach der Übernahme durch Brown; ein DB2/4 Competition Spider von Bertone aus dem Jahr 1954; natürlich ein DB5 Convertible, von dem nur 123 Stück gebaut wurden; ein V8 Vantage Volante von 1986 – das Modell war mit bis zu 435 PS zu bekommen; ein V8 Zagato Volante, ein Ergebnis der zweiten Zusammenarbeit von Aston Martin mit dem italienischen Karossier; ein DB7 V12 Vantage Volante von 1999 – der DB7 war das erste Modell, das bei Aston Martin einen V12 eingepflanzt bekam; ein DB AR1 aus 2003 – ein rarer „American Roadster 1“ als offene Variante der dritten Zagato-Zusammenarbeit; und natürlich der CC100 Speedster Concept, eine Hommage an den Rennwagen DBR1, von dem AM-Chef Dr. Ulrich Bez sagte: „Das Auto ist wesentlich mehr als nur ein Geburtstagsgeschenk, das wir uns selber gemacht haben. Es zeigt die Seele von Aston Martin – eben das, was uns von allen anderen Autoherstellern unterscheidet.“ Überlebt man den Gang durch die Timeline, sollte der Notarzt spätestens bereit stehen nach dem zusätzlichen Besuch des „Park Privé“, wo 23 der wichtigsten Rennwagen aus der Race-Historie Aston Martins stehen: Natürlich die schönen und offenen DB3/5, DB3S/9, DBR1/4 und diverse Vorkriegs-Werkswagen. Völlig erschlagen, aber glücklich ist man, wenn man abschließend noch den Gang zwischen der „Centenary Selection“ schafft mit Autos wie Dr. Bez’ persönlichem DB2/4 Drophead, dem V8 Volante Long Wheel Base oder dem DB9 Spider Zagato Centennial – einem Einzelstück zur Feier der 100 Jahre, verkauft an und gebaut für den amerikanischen Sammler Peter Read auf DB9-Volante-Basis. Sehr englisch gibt es – zur neuerlichen Erweckung der Lebensgeister – Picknick zwischen all diesen Pretiosen. Und irgendwo in der Nähe hört man auf einer der vollen Straßen einen Auspuff röhren. Es ist natürlich ein Aston Martin, wahrscheinlich zu schnell. Aber es wurde hinterher erzählt, dass an diesem Tage die Bobbys in London gnädig waren...

Text: Roland Löwisch
Fotos: Lennen Descamps/Aston Martin

  • Technische Daten
    Aston Martin DB9 Volante
  • MOTOR
    V12
  • HUBRAUM
    5.935 ccm
  • LEISTUNG
    517 PS (381 kW) bei 6.500/min
  • MAX. DREHMOMENT
    620 Nm bei 5.500/min
  • GETRIEBE
    Touchtronic-Sechsgang-Automatik
  • SPRINT 0-100 KM/H
    4,6 sec
  • VMAX
    295 km/h
  • VERBRAUCH
    14,3 l, kombiniert
  • Co2-Emission
    333 g/km
  • LÄNGE/BREITE/HÖHE
    4.720/2.061/1.282 mm
  • RADSTAND
    2.740 mm
  • GEWICHT
    1.785 kg
  • PREIS
    189.995 Euro

Der DBS läutete ende der 60er-Jahre ein neues Design bei Aston Martin ein: gerader, kantiger, kraftvoller. Kurz: moderner.

Nicht jeder darf in die GT-Sammlung beim Jubiläum im Hyde Park — hier zwischen zwei von 19 gebauten DB4GT Zagato.

Wer in den 60ern am Volant eines DB4 saß, hatte es hinters Lenkrad eines der schönsten Sportwagen der Welt geschafft.

Vom Singer zum Traumauto

  • Aston Martins Historie von 1913 bis heute ist geprägt von Wagnissen, Fast-Pleiten, Kleinserien und den schönsten Autos der Welt. Eines war sie nie: langweilig.
  • 1913
    Lionel Martin und Robert Bamford gründen am 15. Januar in London „Bamford & Martin“ als Singer-Autohandel.
  • 1914
    Lionel Martin rast am 4. April mäßig erfolgreich in einem 10-PS-Singer erstmals den Aston Hill bei einem Bergrennen hinauf. / Nach erfolgreichem Lauf am 16. Mai beschließt er, Autos unter dem Namen „Aston-Martin“ zu bauen.
  • 1915
    Am 16. März wird der erste Aston Martin zugelassen, genannt „Coal Scuttle“ (Kohlenkasten). Er steht auf einem Isotta-Fraschini-Chassis und wird vom Coventry-Climax-1,4-Liter-Vierzylinder angetrieben.
  • 1920
    Graf Louis Zborowski steigt als Finanzier und Rennfahrer ein, nachdem Bamford die Firma verlassen hat.
  • 1922
    Aston Martin baut sein erstes Grand-Prix-Auto. / Zborowski bricht im Prototyp „Bunny“ auf der Brooklands-Rennstrecke zehn Tempo- Weltrekorde.
  • 1924
    Graf Zborowski stirbt in einem Mercedes beim Grand Prix von Monza.
  • 1925
    Aston Martin muss zum ersten Mal Konkurs anmelden.
  • 1926
    Lord Charnwood, John Benson, Domenico Bertelli und William Renwick übernehmen den kleinen britischen Autohersteller und nennen ihn „Aston Martin Motors“.
  • 1928
    Die ersten Team-Cars nehmen teil bei den 24 Stunden von Le Mans.
  • 1932
    Das Quartett verkauft die Firma an Arthur Sutherland. Dessen Sohn Gordon wird Geschäftsführer.
  • 1933
    Aston Martin belegt beim 24-Stunden-Rennen in Le Mans die Plätze 5 und 7 im Gesamt-Klassement.
  • 1935
    In diesem Jahr werden nur 66 Autos gebaut. / Der Aston Martin Owners’ Club wird gegründet.
  • 1947
    Der Traktorenhersteller David Brown kauft die siechende Firma Aston Martin für 20.500 Pfund und erwirbt gleich darauf auch Lagonda.
  • 1948
    In Spa-Franchorchamps gewinnt ein 2-litre Sports das 24-Stunden-Rennen.
  • 1949
    In Le Mans rasen bereits drei Aston Martin DB2 mit.
  • 1955
    David Brown kauft eine Fabrik in Newport Pagnell und verlagert die Produktion von Aston Martin dorthin.
  • 1958
    Der DB4 kommt auf den Markt, Aston Martins erstes Supercar: 3,7-Liter-Sechszylinder, 240 PS, Top-Speed 225 km/h. / Die Firma wird umbenannt in Aston Martin Lagonda Ltd.
  • 1959
    In Le Mans gewinnt ein DBR1 das 24-Stunden-Rennen, das 1.000-Kilometer-Rennen am Nürburgring und insgesamt die Sportwagenweltmeisterschaft — der bislang größte sportliche Erfolg der kleinen Marke.
  • 1960
    Aston Martin beschließt die Zusammenarbeit mit dem italienischen Designer Zaga
  • 1961
    Mit dem DB4 GT Zagato nimmt die Zusammenarbeit Formen an. Nur 19 Stück des wohl schönsten Sportwagens aller Zeiten werden gebaut.
  • 1964
    Erstmals fährt ein Kino-Agent Aston Martin: James Bond erobert im DB5 die Herzen der Autofans.
  • 1970
    Mit dem V8 Vantage beginnt eine neue Design-Ära bei Aston Martin.
  • 1972
    David Brown verkauft Aston Martin an Company Developments.
  • 1975
    George Minden und Peter Sprague kaufen Aston Martin.
  • 1976
    Die Marke Lagonda wird wiederbelebt durch den viertürigen Lagonda, einem extrem keilförmigen Grand Tourer mit überforderter Elektronik.
  • 1981
    Tim Harley und Victor Gauntlett kaufen Aston Martin.
  • 1984
    Peter Livanos kauft Aston Martin, Gauntlett bleibt Geschäftsführer.
  • 1987
    Ford kauft Aston Martin. / Die zweite Zusammenarbeit mit Zagato bringt das V8 Zagato Coupé und den V8 Zagato Volante hervor.
  • 1993
    Der DB7 erblickt die Welt und ebnet den Weg zu einem lukrativen Unternehmen. / In Gaydon wird eine neue Fabrik gebaut.
  • 1999
    Erstmals ziehen Zwölfzylinder in die Wagen von Aston Martin ein.
  • 2000
    Dr. Ulrich Bez wird CEO von Aston Martin.
  • 2002
    Der DB7 Zagato ist die dritte Zusammenarbeit von Aston Martin und dem italienischen Karosserie-Schneider.
  • 2003
    Der DB9 erblickt die Bühne — das erste Auto der V/H-Architektur bei Aston Martin, die es ermöglicht, das Produktportfolio auszuweiten. / Das globale Headquarter eröffnet in Gaydon.
  • 2004
    Die Aston-Martin- Motorenfabrik in Köln baut nun alle V8- und V12-Motoren.
  • 2005
    Aston Martin kehrt mit dem DBR9 in den Motorsport zurück. / Mit dem V8 Vantage bietet der Hersteller nun auch einen kleinen Aston an.
  • 2007
    Ford verkauft die Marke an Investment Dar und Adeem Investment. Bez bleibt CEO. / In Gaydon wird ein neues Designstudio eröffnet.
  • 2008
    Aston Martin präsentiert den Rapide, den ersten Viertürer der Marke seit dem Protoytp „Atom“ aus dem Jahr 1939. / Aston Martin feiert das 50.000 Auto der Marke. / Mit dem One-77 verkauft Aston Martin wieder ein Supercar (760 PS, 1,8 Millionen Euro teuer). Aber nur 77 Stück.
  • 2011
    Es gibt wieder ein Zagato-Modell: AM V12 Zagato. Nur 101 Stück werden gebaut.
  • 2013
    Zur 100-Jahr-Feier baut Aston Martin den CC100, einen Prototyp, als Hommage an den DBR1 gedacht. / Zagato baut je einen besonders gestylten DBS Coupé und DB9 Spyder aus Anlass des Firmenjubiläums. / Mitten in London treffen sich mehr als 1.000 Fahrzeuge zur 100-Jahr-Feier — das größte Aston-Martin-Treffen aller Zeiten. / Aston Martin gibt eine Zusammenarbeit mit AMG bekannt: Daimler bekommt fünf Prozent Anteile und liefert dafür Motoren.