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Modelle / Top-Hersteller

Der will nur spielen zurück

Austin-Healey Sprite, MG Midget, Triumph Spitfire, Fiat X1/9 oder Honda S800 — kleine offene Spaßmacher gab es seit den 60er-Jahren. Zuletzt nahm sich die junge Mercedes-Tochter Smart dieses Themas an und ließ 2003 die Modelle Roadster und Roadster Coupé auf die Landstraßen los.

War der Smart Roadster seiner Zeit voraus? Als das Projekt 1998 startete, kostete Benzin halb so viel wie heute. Es galt nicht als verwerflich, rein zum Spaß auf vier Rädern unterwegs zu sein. Heute passt dieser Roadster erst so richtig in die Zeit: leicht und sparsam. Schlanke 790 Kilo wiegt dieser Flitzer in seiner leichtesten Ausführung. Paradoxerweise boomen heute schwere, im Gelände kaum taugliche SUV für den Stadtverkehr.
Die Smart Fortwo-Technik musste vom Stadt- zum Überlandverkehr umgeschult werden. Ungefähr 35 Prozent ihrer Komponenten teilen sich die smarten Geschwister. Der gesamte Antriebsstrang wurde übernommen. Der Rest ist konsequent auf Handling getrimmt. Antrieb und Motor blieben ebenso im Heck wie Tank und Getriebe. Dennoch ist die Gewichtsverteilung mit 44 Prozent vorne und 56 Prozent auf der Hinterachse annähernd ausgeglichen. Der Motor wiegt nur 65 Kilogramm. Die Batterie versteckt sich unter dem vorderen Kofferraum auf der Bodenplatte. Ideal für den Schwerpunkt. Ähnlich tief sitzen die beiden Passagiere. Diese Sitzposition, das abnehmbare Dach und die Kompaktheit des Wagens machen das Fahrgefühl viel direkter als es die Daten vermuten lassen. Das macht nicht nur mehr Spaß, es ist auch viel sicherer. Fahrspaß ist eine Gefühlssache. Das Grinsen von Kurve zu Kurve lässt sich schließlich nicht in Zahlen ausdrücken.

Sportwagen sind Gefühlssachen, das Fahren muss erlebt werden

Auch „auto motor und sport“ nahm sich dessen an: Fahrspaß-Vergleichstests mit Mercedes SL 65 AMG und Porsche Turbo Cabrio führten zu smarten Ergebnissen. Kleinste Einlenk-Bewegungen werden ohne Verzögerung umgesetzt. Roadster ohne Servolenkung bieten noch mehr von dieser Einlenk-Radikalität. Die erreichbaren Kurvengeschwindigkeiten lassen kaum Wünsche offen. „Sport Auto“ ermittelte sogar eine höhere maximale Querbeschleunigung als mit einer Lotus Elise. Für flottes Vorankommen muss der kleine Turbomotor bei Laune gehalten werden. Wer sich auf die Motorcharakteristik einstellt, erntet schnell Freude am Turboschub. Auch der Klang passt zum sportlichen Fahren. Unverkennbar rasselt hinten ein Dreizylinder, aber mit überraschend kernigem Knurren. Das Sortieren der Gänge über Schaltwippen im Roadster brachte Smart wieder in Mode. Spaß machte es heute genauso wie damals und trägt uach zur Sicherheit bei, weil die Hände in der Kurve am Lenkrad bleiben. Bissige Bremsen auf Porsche-Niveau, 34,2 Meter aus Tempo 100 km/h sind auch heute noch ein Spitzenwert.

14.990 Euro kostete vor 10 Jahren der schwächste Roadster

Bald feiert dieser kleine Freudenspender seinen ersten zweistelligen Geburtstag. Im April 2003 standen die ersten Roadster in den Smart-Centern. Dass die Geschichte schon bald eine unerwartete Wendung nehmen würde, ahnte damals niemand. Wohl stöhnten viele Interessenten der hohen Preisen wegen, aber im ersten Jahr verkaufte sich der kleine Sportwagen den Erwartungen entsprechend. Mit 18.610 Euro für den 82 PS starken Smart Roadster und 20.240 Euro für das gleich starke Roadster-Coupé war schnell die Schmerzgrenze für einen kompromiss- losen Zweitwagen erreicht. Zwei Monate danach folgte eine 61 PS-Alibi-Version, die es eigentlich nie als Coupé geben sollte. Später stellte sich heraus, dass Smart kurz vor dem Aus mit dem Bau eines 61 PS-Coupés begonnen hatte, eine Handvoll davon schaffte es über Umwege sogar auf den Liebhabermarkt.
Roadster und Roadster Coupé sind baugleich, mit dem einzigen Unterschied des eleganteren und praktischeren Heckaufbaus am Coupé. Dieses Acrylglashaus sorgt zwar für eine bessere Aerodynamik und fünf km/h mehr Höchsttempo, aber auch für 20 Kilo Mehrgewicht. Zum Autobahn-Rasen ist dieser Sportwagen ohnehin nicht gemacht. Seine Mission besteht im größtmöglichen Fahrvergnügen zum akzeptablen Wert. Betrachtet man nur diesen Aspekt stimmte der Preis absolut. Turbomotoren mit winzigem Hubraum und kleiner Zylinderzahl boomen heute. Smart war auch hier der Zeit voraus. Selbst Premium-Limousinen setzen in naher Zukunft auf Dreizylinder-Turbos. Der Realverbrauch der Smart Roadster liegt im Schnitt bei fünf Liter. Je nach Leistungsversion darf man einen Liter weg oder dazu rechnen. Smart gibt einen CO2-Ausstoß zwischen 116 und 129 g/km an, je nach Version.

Die V6-Biturbo-Prototypen wären die Perfektion der Idee gewesen

Der Motor des smart fortwo wurde für die Sportwagen von 0,6 auf 0,7 Liter vergrößert. Drei Leistungsstufen gab es, daneben bot Mercedes-Tuner Brabus mit dem „SB2-Performance-Kit“ eine vierte Variante mit 90 PS an. Brabus hatte einen Narren gefressen am Smart Roadster. Den Höhepunkt bildeten zehn Prototypen mit V6-Biturbo-Triebwerk. Zwei gekoppelte Dreizylinder ergaben gemeinsam 170 PS und ein Leistungsgewicht von 4,9 Kilogramm pro PS. Zu einer Kleinserie kam es unter anderem nicht, weil der Tank auf der Vorderachse beim Frontalcrash hätte Probleme bereiten können. Nicht einmal für das Hardtop war noch Platz. Der Tuner war auch für besondere Sondermodelle verantwortlich. Die Collector’s Edition auf Basis des Brabus Xclusive-Roadster, verfeinert mit besonderen Lackierungen und brauner Volllederausstattung, ist heute heiß begehrt und teuer. Auch der Wunsch nach einem manuellen Schaltgetriebe fand in Bottrop Gehör. Ein Fünfgang-Prototyp rollte bereits, das Ende der Produktion verhinderte den Umbausatz, Interesse daran bestünde heute noch.

Die serienmäßigen Schaltzeiten waren für einen Sportler zu lang

Ein Hauptgrund für die sinkenden Verkaufszahlen des Roadsters war wohl das Getriebe. Genauer gesagt seine Schaltpausen. Wenn in einem Sportwagen etwas nervt, dann die Unterbrechung der Zugkraft. Seitens Smart war ein Schaltgetriebe mit Kupplungspedal nie vorgesehen. Die Rotstiftler beharrten darauf, dass so viele Teile wie möglich vom smart fortwo zu übernehmen seien. Zu unguter Letzt auch noch der Platzmangel im Heck. Das Sechsgang- ist eigentlich ein Dreigang-Getriebe, bei dem jedes Gangrad doppelt eingesetzt wird. Nur so ließ sich der wenige Raum optimal ausnutzen. Heute bieten smarte Entwickler diverse Lösungen, von stärkeren Kupplungs-Aktuatoren und verbesserter Software bis zu speziellen Kupplungssätzen. Manuelles Schalten an den Wippen oder am Schalthebel verkürzt die Pausen auch im Serienzustand. Auch Wassereinbrüche ums Dach sind Geschichte. Mit Rückrufen wurden neue Dichtungen und Abflusstrassen verbaut. Wirtschaftlich war der Roadster für Daimler-Chrysler ein großes Desaster. Kunden spüren das heute noch bei der stiefmütterlichen Versorgung mit Ersatzteilen oder der Promotion der jährlichen Smarttimes. Dass besonders der Roadster zum heutigen hippen Image von Smart beitrug und eine zusätzliche Käuferschicht anzog, hat man leider bald wieder vergessen. Es bedarf wohl eines SUV von Smart, um die Marke und ihre Philosophie nachhaltig zu beeinträchtigen. Und beobachtet man die gnadenlose Ausbeutung der Marke MINI, ist das wohl nur noch eine Frage der Zeit.
Sein Liebhaberpreis liegt heute bei einem Drittel des Neupreises. Allerdings ist nicht die reine Anschaffung das Problem. Der Kleine braucht viel Liebe und Zuwendung. Manchmal ist auch Geduld gefragt. Die Basis für ein langes Leben stimmt aber. Die Technik ist simpel und einfach zu reparieren. In den Hohlräumen findet sich selbst bei Winterautos bislang nie Rost, die Karosserie ist ohnehin aus Kunststoff. Verbastelungen werden auch hier nicht gern gesehen, in Verkaufanzeigen ist dies gut zu beobachten. Einige Firmen haben sich bereits auf dieses Auto spezialisiert. Ohne große Sorgen – ein Klassiker von morgen.

Text: Bernhard Reichel
Fotos: Bernhard Reichel, Christian Prandl, Daimler AG, Nils Böckenholt

Smart Roadster

  • Technische Daten
  • MOTOR
    0,7-Liter Turbo R3
  • LEISTUNG
    61-101 PS (45-75 kW)
  • GETRIEBE
    6-Gang automatisiert
  • ANTRIEB
    Heckantrieb
  • VMAX
    175-195 km/h
  • VERBRAUCH
    5,5 l/100 km (kombiniert)
  • BESCHLEUNIGUNG
    0-100 km/h in 10 Sekunden
  • CO2-EMISSION
    117-122 g/km
  • PREIS
    ab 14.990 Euro

Concept Cars

  • Die Studien waren noch kürzer und noch leichter. Erstmals zu bewundern war das rote Showcar auf der Frankfurter IAA 1999, von Hand gebaut in Turin beim Spezialisten Stola. Auf dem Pariser Autosalon folgte 2000 das Roadster Coupé. Die Studie V6 Biturbo war mehr als eine Fingerübung übermotivierter Techniker. Bei einigen Veranstaltungen faszinierte dieses Konzeptauto. 170 PS hatten mit 840 Kilogramm leichtes Spiel. Lackiert in der Ferrari-Farbe „Rosso Corsa“.

Das Coupé mit Glashaus ist zwar praktischer und eleganter aber auch schwerer.

Frog eye: eins der letzten Autos mit abfallender Fronthaube zwischen den Kotflügeln.

Das Cockpit bietet auch Platz für große Personen. Das Lenkrad aber war zu groß.